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Expertin warnt Scholz‘ Regierung - Warum Mali nicht unser „Sahelistan“ werden darf

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Von: Pia Rolfs

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Delegation des UN-Sicherheitsrats in Mali im Jahr 2021.
Mali in Gedenken an gefallene Soldaten. © picture alliance/dpa/Le Pictorium Agency via ZUMA/Nicolas Remene

Expertin Antonia Witt spricht im Interview über die Lage in Westafrika, die Serie an Putschversuchen und die nötigen Lehren aus Afghanistan.

Frankfurt am Main - In vielen Ländern Westafrikas wie Mali, Burkina Faso oder Guinea gab es in letzter Zeit Putsche oder Putschversuche. Antonia Witt von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) erklärt im Interview, woran das liegt und welche Rolle Großmächte dabei spielen. Witt studierte Afrikanistik und Politologie, arbeitete an Universitäten in Südafrika und Äthiopien.

Merkur: Bestehen Zusammenhänge in Westafrika zwischen den Putschen und Putschversuchen in Mali, Burkina Faso, Guinea und Guinea-Bissau?

Antonia Witt: UN-Generalsekretär António Guterres sprach kürzlich von einer „Epidemie von Putschen“. Und tatsächlich gab es seit 1999 im gesamten Afrika nicht mehr so viele Putsche wie in den letzten zwölf Monaten. Das ist eine sehr besorgniserregende Situation, die auf jeden Fall auch Zusammenhänge hat. Es gibt in dem Sinne einen Ansteckungseffekt, dass ein erfolgreicher Putsch in einem Land potenzielle Putschisten im Nachbarland befeuert. Nichtsdestotrotz: Viel ausschlaggebender sind die sehr spezifischen Ursachen in den einzelnen Ländern. Aber es gibt darunter natürlich auch Gemeinsamkeiten, etwa die Rolle des Militärs in der Politik.

Inwiefern?

Trotz formaler Demokratisierung gibt es weiterhin eine sehr starke Präsenz des Militärs in politischen Prozessen und die Gefahr, dass es in diese eingreift. Das ist besonders im frankophonen Westafrika der Fall.

Burkina Faso: Bisher enttäuscht von der Demokratie

Ist die Demokratie in diesen Ländern noch nicht verankert?

Die Bevölkerung hat sich gerade in Burkina Faso sehr stark für die Demokratie eingesetzt und dafür 2015/2015 sehr viel riskiert. Aber die Erfahrung mit der Demokratie bisher ist enttäuschend. So konnte etwa die Wahl im vorletzten Jahr nicht in allen Landesteilen stattfinden wegen der Sicherheitssituation.

Spielen Großmächte eine entscheidende Rolle bei der jüngsten Entwicklung?

Ja, die Rückkehr der Großmachtpolitik in dieser Region ist unterschätzt worden. Natürlich geht es in vielen afrikanischen Ländern dabei um Ressourcen, in Guinea ist es etwa Bauxit. Aber für Russland ist Westafrika ebenfalls ein strategischer Schauplatz, um Macht zu demonstrieren. Auch Angehörige der Bundesregierung haben sich jüngst vermehrt zu Mali als einem Schauplatz von Großmachtpolitik geäußert. Ich halte es dennoch für gefährlich, wenn man die Situation dort nur durch diese Brille betrachtet.

Mali: Zusammenarbeit mit Regierung und Zivilgesellschaft

Wie schätzen Sie die Situation in Mali ein? Könnte es ein zweites Afghanistan werden?

Es war ja schon früh von „Sahelistan“ die Rede. Ich glaube, es ist tatsächlich an der Zeit zu schauen, was Deutschland in Mali will, mit welchen Mitteln und in welchen Kooperationen diese Ziele erreicht werden können. Und das kann natürlich nur in Kooperation mit der malischen Seite passieren, das heißt nicht nur mit der Regierung, sondern auch mit der Zivilgesellschaft. In Afghanistan sieht man jetzt im Nachhinein, wo man Fehler gemacht hat. Man muss von Afghanistan für Mali lernen, indem schon jetzt dieser Reflexionsprozess stattfindet – nicht erst wenn es zu spät ist.

Was kommt aus Westafrika auf Europa zu – etwa in Bezug auf Flüchtlingsströme oder die Gefahr des Islamismus?

Ich glaube nicht, dass die Binnenvertriebenen weiter nach Europa fliehen. Wenn aber viele Länder oder große Teile davon von Islamisten regiert werden, ist das eine erschreckende Entwicklung. Das allein müsste ausreichen, damit der Westen sich engagiert. Generell sollte der Fokus nicht immer nur auf dem Ereignis des Putsches liegen, sondern stärker auf die vielschichtigen Krisen, die diesen Putschen vorgelagert sind.

Interview: Pia Rolfs.

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