Prostituierte, Freier und Ermittler reden

Schock-Buch zeigt Abgründe der Prostitution

Köln - Man schaut in Abgründe. Das Buch „Prostitution. Ein deutscher Skandal“ schildert, wie der Verkauf von Körper und Seele, wie Gewalt und Elend die Frauen zerstört. Prostituierte, Freier, Ermittler und Helfer reden.

Niki, Krankenschwester aus Ungarn, ist 20, geht seit Jahren anschaffen und ist schwanger - von wem auch immer. Was werden soll, weiß sie nicht. Sie ist verschuldet, dem Bordellbetreiber muss sie für ihr winziges Zimmer 100 Euro zahlen, täglich. In einer Anlaufstelle für Prostituierte - La Strada in Stuttgart - hofft sie auf Hilfe. Andernorts sagt Emilia (21), einst Musterschülerin, missbraucht vom Vater, voller „Selbsthass“: „Ich weiß, wie sich eine Vergewaltigung anfühlt, und ich weiß, wie es sich anfühlt, sich zu prostituieren. Nämlich gleich“. Nach einem Jahr auf dem Strich „ritzte“ sie sich, landete in der Psychiatrie.

In dem Buch „Prostitution. Ein deutscher Skandal“, das am Donnerstag (7.11.) erschienen ist, schreibt Herausgeberin Alice Schwarzer: „90 Prozent sind Armuts- und Zwangsprostituierte.“ Es sei bekannt, dass viele von Menschenhändlern verschleppt, mit Gewalt zum Anschaffen gezwungen würden. „Doch die Empörung bleibt aus - wie kann das sein?“ Deutschland gehe mit dem umstrittenen Prostitutionsgesetz von 2002 einen Sonderweg der Liberalisierung, „mit der die Strafverfolgung von Zuhälterei und Menschenhandel massiv erschwert wurde.“ Die Frauenrechtlerin prangert weiter an: Prostitution werde nicht mehr geächtet, sondern geradezu „propagiert.“

In dem Buch mit 27 Beiträgen mehrerer Autoren schreibt Schwarzer: „Heute ist Deutschland ein "Sexparadies" für Ausländer.“ Der Nachrichtenagentur dpa sagt die Kölner Publizistin (70): „Die fatale Reform von 2002 muss schnellstmöglich geändert werden.“ Mädchen und Frauen müssten besser geschützt, Zuhälter und Menschenhändler effektiver verfolgt werden können. „Ideal wäre, dass eine Gesetzesänderung mit dieser Zielrichtung bereits im Koalitionsvertrag fixiert wird.“ Und: „Ein erster Schritt wäre Mitgefühl.“ Es handle sich nicht um einige wenige Betroffene, sondern um geschätzte 400 000 bis eine Million Prostituierte hierzulande.

Journalistin Chantal Louis schildert, wie Gangbang - inszenierte Gruppenvergewaltigungen - und Flatrate-Angebote für Freier immer stärker um sich greifen. „So manche Stadt würde die All-You-Can-Fuck-Etablissements gerne schließen, die Behörden sind aber machtlos.“ In der Sexfabrik Pascha in Köln, nach eigenen Angaben das größte Bordell Europas, müssen die Frauen 160 Euro am Tag Miete pro Zimmer abdrücken - macht 4800 Euro im Monat. Auf der Dachterrasse laufen „Gangbang-Partys samt Amateur-Video-Dreh“. Das Geschäft boome deutschlandweit, mit einem geschätzten Jahresumsatz von 14,5 Milliarden Euro. Von der Gesetzesreform profitieren Bordellbetreiber, Zuhälter, Manager, Menschenhändler, den Prostituierten schade sie, wie Schwarzer betont.

Freier, die sich in dem Buch ebenfalls äußern, sagen zu ihrer Motivation, zu einer Prostituierten zu gehen: „Man kann mit ihr machen, was man will“ oder „Dafür zu zahlen hat das gewisse Etwas. Eigentlich ist das Macht.“ Wie viele Männer Frauen kaufen? Nach Schätzungen „kommen wir auf jeden zweiten bis dritten Mann, der gelegentlich oder regelmäßig Frauen kauft - was wirklich erschreckend viel wäre“, sagt Schwarzer der dpa.

Seit dem rot-grünen Gesetz von 2002 gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrig. Die Rechtsposition von Prostituierten sollte verbessert werden, ihnen sollten die Sozialversicherungen offen stehen, ihr Lohn einklagbar sein. „Hätte ich das mit der Prostitution offiziell gemacht, hätten mir die Krankenkassen-Beiträge das Genick gebrochen“, erzählt aber eine Ex-Prostituierte in dem Buch. Und klagt an: „Der Staat passt auf mich als Frau nicht auf. Er kassiert Steuern dafür und verdient noch dran, aber er bietet keine Hilfsangebote für den Ausstieg.“

Vor einigen Tagen hatte Schwarzer einen „Appell gegen Prostitution“ an Bundestag und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) veröffentlicht. Unterzeichner wie die saarländische Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die Ex-EKD-Vorsitzende Margot Käßmann oder auch Prominente wie Maria Furtwängler, Wolfgang Niedecken, Reinhold Messner oder Senta Berger verlangen eine Änderung des Gesetzes von 2002 und langfristig die Abschaffung der Prostitution.

Das Argument, viele Frauen arbeiteten freiwillig und selbstbestimmt in dem Gewerbe, lässt das Buch nicht gelten - und nennt zahlreiche erschütternde Gegenbeispiele. Sozialarbeiterin Sabine Constabel von La Strada betont: „Im Fernsehen sitzen Lobbyistinnen oder bezahlte Frauen: Die kriegen 500 Euro dafür, dass sie erzählen, wie geil sie Prostitution finden.“ Realität sei aber: „Meine Frauen haben weder Kraft noch Zeit, sich in Talkshows zu setzen. Die sind damit beschäftigt zu überleben.“

dpa

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