Er will „in Würde sterben“

104-jähriger Wissenschaftler reist zum Sterben in die Schweiz

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David Goodalls Forschungen gelten in der Botanik als einflussreich. Neben ihm: Carol O'Neill von der Sterbehilfe-Organisation Exit International.

David Goodall ist nicht unheilbar krank, mit 104 Jahren aber des Lebens müde. In der Schweiz wird er nun Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Nun muss der Professor zwei Ärzte überzeugen.

Basel - Update vom 5. Mai 2018: Bevor der lebensmüde australische Botaniker David Goodall (104) in der Schweiz eine Freitodbegleitung erhalten kann, wird er von zwei Ärzten auf seine Urteilsfähigkeit untersucht.

„Nur, wenn zwei Ärzte überzeugt sind, dass er 100-prozentig klar in seinem Wunsch ist, findet die Begleitung statt“, sagte Erika Preisig, Ärztin und Gründerin des Vereins Lifecircle am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Lifecircle will Goodall in der Schweiz betreuen. Der Verein hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 73 Menschen in den Tod begleitet. Die Ärztin Preisig hält sich im Ausland auf, sie wäre an den Maßnahmen bei Goodall nicht beteiligt.

Goodall war von Australien nach Frankreich zu Verwandten geflogen und will kommende Woche in der Nähe von Basel sein Leben beenden. Seine Lebensqualität sei nach einem Sturz und Sehschwierigkeiten nicht mehr akzeptabel, sagt er. Weil er diese Entscheidung in Fernsehinterviews vertritt, hat der Fall weltweit Aufmerksamkeit erregt.

Preisig setzt sich für eine Legalisierung der Sterbehilfe in aller Welt ein. „Ich bin der Meinung: Jeder, der älter als 85 ist, soll ohne Rechtfertigung sterben dürfen“, sagte sie. „Herr Goodall und andere sollten das Recht haben zu wünschen, dass sie nicht völlig pflegebedürftig weiterleben müssen.“ Gegner wie der 1985 auf Initiative der CDU/CSU gegründete Verein „Christdemokraten für das Leben“ sind strikt gegen Sterbehilfe.

Sterbehilfe: Darum reiste der Professor von Australien in der Schweiz 

Weil er seines Lebens nach 104 Jahren müde ist, hat sich Australiens ältester Wissenschaftler auf den Weg zur Sterbehilfe in die Schweiz gemacht. David Goodall trug ein Hemd mit der Aufschrift "Schmachvoll alternd", als er am Mittwochabend (Ortszeit) aus Perth aufbrach. Am Flughafen habe der 104-jährige Biologe endgültig Abschied von Freunden und einigen Angehörigen genommen, teilten Sterbehilfe-Aktivisten mit.

Goodall will den Angaben zufolge zunächst ein paar Tage mit anderen Angehörigen in der südfranzösischen Stadt Bordeaux verbringen. Danach reise er in die Schweiz, um dort beim Sterbehilfeverein Lifecircle in Basel am Donnerstag kommender Woche sein Leben zu beenden.

Goodall bedauert Sterbehilfeverbot in Australien

In einem Interview mit dem australischen Sender ABC bedauerte Goodall, dass er wegen des Sterbehilfe-Verbots in Australien nicht in seiner Heimat sterben könne. "Ich möchte nicht in die Schweiz, obwohl es ein nettes Land ist", sagte er. "Aber ich muss das tun, um die Möglichkeit zu einem Suizid zu erhalten, die das australische System nicht erlaubt." Wegen dieser Situation sei er "sehr aufgebracht".

Aktive Sterbehilfe, die sogenannte Tötung auf Verlangen, ist in den meisten Ländern verboten. In Australien ist Sterbehilfe ab Juni 2019 zwar im Bundesstaat Victoria erlaubt, allerdings nur für unheilbar kranke Menschen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind und nur noch weniger als sechs Monate zu leben haben.

Organisation sammelt Spendengelder für Goodall

Goodall ist nicht unheilbar krank, er klagt aber über einen fortschreitenden Verlust an Lebensqualität. Die Organisation Exit International, die Goodall unterstützt, hatte es als ungerecht kritisiert, dass einer der ältesten und bekanntesten Australier gezwungen sei, "ans andere Ende der Welt zu reisen, um in Würde zu sterben". Die Organisation startete eine Spendenkampagne für Erste-Klasse-Flugtickets für Goodall und einen Begleiter und sammelte schnell mehr als 20.000 australische Dollar (mehr als 12.500 Euro) ein.

Goodall arbeitete an der Edith Cowan Universität in Westaustralien. 2016 war er weltweit bekannt geworden, als ihn seine Universität im Alter von 102 Jahren endgültig in den Ruhestand schicken wollte - obwohl er seit seiner offiziellen Pensionierung unentgeltlich arbeitete.

Nach Protesten und Solidaritätsbekundungen von Wissenschaftlern aus der ganzen Welt nahm die Universität die Entscheidung zurück. Goodall hat dutzende Forschungsarbeiten veröffentlicht und noch bis vor kurzem für verschiedene Fachzeitschriften gearbeitet.

Sterbehilfe in Deutschland - mehr zur Rechtslage finden Sie hier.

AFP

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