"Zweiköpfiges Monster" trainiert in Oberfranken

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Dirk Nowitzki (links) und Chris Kaman (rechts) werden bei der Basketball-EM in Litauen gemeinsam für Deutschland auflaufen.

Rattelsdorf - Dirk Nowitzki und Chris Kaman bereiten sich im oberfränkischen Rattelsdorf gemeinsam auf die Basketball-EM  vor. Nowitzki erklärt, warum ihn der Einsatz für sein Land so motiviert.

Einzig das Prellen eines Basketballs ist zu hören. Ansonsten herrscht Stille in der Abtenberghalle. Dort, in der Abgeschiedenheit des 4.500-Seelen-Ortes Rattelsdorf in Oberfranken, bereitet sich NBA-Superstar Dirk Nowitzki und sein Mentor Holger Geschwindner auf die Europameisterschaft in Litauen vor. Dass sich der 33-jährige Nowitzki überhaupt hier aufhält, hat mehrere Gründe.

Seit Anfang Juli gibt es in der amerikanische Profiliga NBA jetzt schon den sogenannten Lockout, die Aussperrung der Spieler von ihren Klubs. Spielergewerkschaft und Team-Besitzern verhandeln über einen neuen Rahmenvertrag, der die Einnahmeverteilung zwischen beiden Parteien neu regeln soll. “Es hängt alles in der Luft. Da weiß keiner was Neues, ich auch nicht“, sagt der NBA-Profi.

Zu den Gerüchten, wohin er im Falle eines länger andauernden Lockouts vorübergehend wechseln könnte, sagt er: “Klar sind Angebote da. Es liegen konkrete Angebote auf dem Tisch. Ich schließe Deutschland nicht aus. Ich will nur nicht, dass es wieder heißt: Jetzt geht er wieder da-, oder dorthin.“ Er könne ja zum Beispiel “auch in China oder Südamerika spielen“.

Olympia als “einer der größten Momente der Karriere“

Für die Nationalmannschaft ist Nowitzki wie alle NBA-Spieler freigestellt worden. Mit dem DBB-Team will er sich für die Olympischen Spiele in London qualifizieren, denn noch heute bezeichnet der gebürtige Würzburger die Olympischen Spiele 2008 in Peking, als er die deutsche Fahne zum Einlauf der Nationen tragen durfte und mit der Nationalmannschaft teilnahm, als “einen der größten Momente meiner bisherigen Karriere“.

Das will er noch einmal erleben und seinen jüngeren Kollegen im DBB-Team gleichzeitig den Traum von den Olympischen Spielen 2012 in London ermöglichen. Nowitzki quält sich seit drei Wochen, um fit zu sein für die EM, bei der ein zweiter Platz zur direkten Qualifikation für London 2012, ein sechster Platz immerhin noch zur Teilnahme am Vorolympischen Qualifikationsturnier, berechtigt.

“Ziel ist natürlich die Qualifikation für das Vorolympische Qualifikationsturnier“, sagt Nowitzki. Es ist 10:37 Uhr, mattes Tageslicht fällt in die Basketballhalle. Zwei Basketballkörbe ragen von der Hallendecke nach unten, der Ball berührt selten das Brett und meist nicht mal den Ring. Mittlerweile haben sich auch DBB-Teamarzt Dr. Thomas Neundorfer und sein Enkel in der Halle eingefunden. Nowitzki begrüßt beide scherzend.

Dirk Nowitzkis erster NBA-Titel: Bilder vom Spiel und der Feier danach

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Staunend beobachten beide die Präzision des Superstars, er trifft einen Wurf nach dem Anderen. Geschwindner lässt Nowitzki Freiwürfe üben. Zunächst soll er in schrittweiter Beinstellung und mit dem typischen ruhigen Bewegungsablauf werfen, so verwandelte der 2,13 Meter-Mann seit Beginn seiner NBA-Karriere im Jahr 1998 rund 88 Prozent von der Linie. Als erster Deutscher gewann er mit den Dallas Mavericks in diesem Jahr den NBA-Titel in den Finals gegen die Miami Heats.

“Ein kleines Motivationsloch“

“Jetzt“, gesteht Nowitzki, “kann eigentlich nicht mehr viel kommen“, und fügt rückblickend hinzu, “da war erstmal ein kleines Motivationsloch“. Im Anschluss an diverse Feierlichkeiten und ein paar Tagen Urlaub in der Karibik, steht er nun mit Geschwindner in der Halle.

Heute trägt er ein weißes T-Shirt und eine schwarze Hose. Seine blonden langen Locken kleben schweißnass an seinem Kopf. Unermüdlich folgt das Aushängeschild der Nationalmannschaft den Anweisungen des Trainers. Jetzt sind Dreipunktwürfe von verschieden Positionen an der Reihe, Geschwindner zählt die Treffer mit. Nowitzki verwirft nur drei von 23 Würfen.

Die Tür zur Halle öffnet sich, es wird etwas auf Englisch gesagt, dann erschallt lautes Lachen. Nowitzki dreht sich um und sieht den zweiten NBA-Star des DBB-Teams hereinkommen. Es ist Chris Kaman, der Center der Los Angeles Clippers, der auch trainieren will.

Es ist 11.41 Uhr, Nowitzki und Kaman kennen sich gut. Der auf einem Stuhl am Rand der Halle sitzende Dr. Neundorfer macht Videos vom “zweiköpfigen Monster“ (Bundestrainer Dirk Bauermann über die beiden NBA-Stars), während beide sich über EM-Topfavorit Spanien unterhalten, mit seinem iPhone.

Nowitzki überragt Kaman auch bei der Reichweite

Kaman und Nowitzki unterhalten sich lachend. “Ey, ihr Babbelköpp, ihr habt noch drei Wochen Zeit zu reden“, ruft Geschwindner die beiden zur Ordnung. Beide verstummen. Nowitzki läuft nun Bahnen in der Halle, von der einen zur anderen Grundlinie. Das Tempo ist nicht überragend, aber es scheint ihn anzustrengen.

Bevor er zum Duschen geht, stellen sich Nowitzki und Kaman voreinander und strecken den rechten Arm nach oben um zu messen, wer die höhere Reichweite hat. Nowitzki ragt circa fünf Zentimeter über Kaman hinaus, der leise flucht und lachend weiter trainiert mit Geschwindner. Um 12.07 Uhr verlässt Nowitzki das Basketballfeld, beendet so das Training nach neunzig Minuten und verschwindet müde und ausgelaugt in die Umkleide zum Duschen und verlässt danach die Halle. Schon am Mittwoch startet die Mission Olympia.

dapd

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