Schwimmer-Debakel: Trainer sind schuld

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Paul Biedermann

London - Doppelt verzockt: Die deutschen Schwimmstars Paul Biedermann und Britta Steffen haben zum Auftakt ein Debakel erlebt. Schuld sind die Trainer. Biedermann erreichte am Sonntag immerhin mit Mühe das Halbfinale.

Nach dem olympischen Auftakt-Debakel von Paul Biedermann und Britta Steffen waren die Schuldigen schnell gefunden: Die Trainer der deutschen Schwimmstars hatten sich verzockt. Weltrekordler Biedermann experimentierte mit einer neuen Taktik, Doppel-Olympiasiegerin Steffen sollte Kräfte sparen. „Das ist zünftig in die Hose gegangen“, bilanzierte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow, nachdem die ersten der ohnehin raren Medaillenchancen fahrlässig verspielt worden waren.

Prompt lud er zur Krisensitzung. „Klare Worte“ habe es in der halbstündigen Besprechung gegeben, berichtete Buschkow nachher und kritisierte die Heimtrainer der beiden Vorzeigeschwimmer im ZDF hart: „Unser Leistungsniveau reicht nicht aus zum Experimentieren. Das sollte man bei Olympia nicht machen. Es gab Absprachen, die so nicht hätten getätigt werden sollen.“

Noch deutlicher wurde der im November geschasste Bundestrainer Dirk Lange. „Es hat eine völlig falsche Einschätzung der Leistungsstärke gegeben“, sagte der Hamburger, der als Mitglied der südafrikanischen Mannschaft in London ist, dem Sport-Informations-Dienst (SID): „Das hat sich schon bei der EM abgezeichnet, aber da war Friede, Freude, Eierkuchen. Man hat nicht die richtigen Rückschlüsse gezogen.“ Bei den Europameisterschaften vor zwei Monaten hatten die deutschen Schwimmer noch acht Goldmedaillen geholt - allerdings ohne ernsthafte Konkurrenz.

In London ging Biedermann über 400 m Freistil als Vorlauf-13. regelrecht baden, nachdem er schneller als bei seinem Weltrekord 2009 angegangen war. „Auf den letzten 50 m konnte er nicht mehr explodieren. Das muss ich klipp und klar auf meine Kappe nehmen“, sagte sein Trainer Frank Embacher. Am Sonntag schwamm der 25-Jährige über 200 m als Zehnter in 1:47,27 Minuten ins Halbfinale, in Bestform wirkte er dabei nicht.

Immerhin hatte der ehemalige Doppel-Weltmeister seinen Humor nicht verloren. Auf die Frage, wie er die Stunden nach dem Auftaktdebakel verbracht habe, antwortete er: „Ruhig, entspannt und ohne Skandale.“ Dass ihm der neue Olympiasieger Sun Yang (China) im Finale über 400 m den Weltrekord nicht genommen habe, sei „ein sehr schwacher Trost“.

Beim blamablen Staffel-Aus hatte Steffens Coach Norbert Warnatzsch die falsche Vorgabe gemacht. „90 bis 95 Prozent“ sollte die Doppel-Olympiasiegerin als Startschwimmerin bieten. Es reichte am Ende nicht: Die Europameisterinnen und WM-Dritten schieden als Vorlauf-Neunte aus. „Deutschland kann bei der Fußball-EM taktieren, aber nicht im Schwimmen bei Olympia“, meinte Ex-Bundestrainer Lange: „Es geht um Steuergelder, um das Bild in der Öffentlichkeit. Das ist einer der größten Verbände. Da kann man nicht einfach so nonchalant darüber hinweggehen, dass zwei festeingeplante Medaillen weg sind.“

Nach dem Fehlstart droht den deutschen Schwimmern in London ein Fiasko. Die Zielvorgabe mit sechs Medaillen war ohnehin schwierig zu erreichen, und nachdem die ersten beiden Asse schon nicht gestochen haben, bleiben nur noch wenige realistische Chancen auf Edelmetall. Erinnerungen an Peking werden wach, wo am Ende Britta Steffen die Bilanz mit zweimal Gold retten musste.

„Schlechter kann es nicht werden“, sagte die 28-Jährige, die erst am Mittwoch wieder an den Start geht. Sich selbst sah die Berlinerin aber auf dem richtigen Weg: Ihre Zeit von 54,43 Sekunden fand sie „total in Ordnung“, sie habe „ein gutes Gefühl“. „Zu wenig“ war es dagegen für Henning Lambertz, der ebenfalls zum DSV-Trainerstab in London gehört.

Am Sonntag zogen die ersten DSV-Schwimmer in die nächste Runde ein. Dabei setzte die 4x100-m-Freistilstaffel der Männer als Fünfte mit deutschem Rekord in 3:13,51 Minuten das Highlight. „Die Taktik war: volle Rotze, jeder bis zum Anschlag“, sagte Schlussschwimmer Marco di Carli und fügte mit Blick auf das Debakel der Frauen an: „Wir haben keine Möglichkeit zum Taktieren.“

Neben Biedermann erreichten auch Vize-Europameister Helge Meeuw (53,83 Sekunden) und sein Rivale Jan-Philip Glania (54,07) über 100 m Rücken als Siebter und Zwölfter das Halbfinale. Europameisterin Sarah Poewe kam als Vorlauf-Siebte über 100 m Brust in 1:07,12 Minuten sogar bis auf elf Hundertstel an ihre Bestzeit im Hightech-Anzug von 2009 heran.

Dagegen verabschiedeten sich Europameisterin Jenny Mensing als 21. (1:00,72) über 100 m Rücken, Caroline Ruhnau als 22. (1:08,43) über 100 m Brust und Clemens Rapp als 24. (1:48,75) schon in ihren Vorläufen - weit entfernt von ihren Bestleistungen.

sid

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