Viele Mängel, keine Zeit: Handballer suchen Form

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Auch Deutschlands Torwart Silvio Heinevetter (l) und Michael Müller müssen sich steigern.

Rishon Le Zion - Nachdem die deutschen Handballer eine erneute Blamage in der EM-Qualifikation gerade noch so abgewendet haben, wartet ein Haufen Arbeit auf Bundestrainer Martin Heuberger.

Die Arme der Spieler blieben unten. Und auch Bundestrainer Martin Heuberger zeigte nur kurz die Faust. Nach dem mühsamen 30:27 (13:14) in Israel, dem ersten Sieg in der EM-Qualifikation, verzichteten die deutschen Handballer auf die obligatorischen Jubelszenen, wohlwissend, dass sie vor einem Berg an Arbeit stehen. Die Mängelliste ist deutlich länger als angenommen, die Zeit bis zur WM im Januar knapp.

„Zufrieden sind wir natürlich nicht. Eigentlich hatten wir uns 4: 0-Punkte vorgenommen. Aber wichtig ist jetzt, dass wir mit dem Sieg in Israel wieder alles selbst in der Hand haben“, sagte Heuberger dem Sport-Informations-Dienst (SID) vor der Heimreise des Teams am Montagnachmittag.

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Mit seinem Kurz-Fazit hatte der Bundestrainer allerdings auch schon alles Positive aus dem Doppelspieltag destilliert. Nach der Blamage gegen das international bislang als zweitklassig geltende Montenegro (27:31) am vergangenen Donnerstag war der zweite Auftritt gegen den israelischen Handball-Zwerg nur unwesentlich besser.

Mit Leistungen wie den gezeigten dürfte die Auswahl des deutschen Handballbundes (DHB) gegen Vorrundengegner wie Frankreich, Montenegro und Tunesien keine Chance haben. Und auch die Duelle mit Argentinien und Brasilien sind in dieser Verfassung keine Selbstgänger.

Zu eklatanten Aussetzern in der Defensive gesellten sich Mut- und Ideenlosigkeit im Angriffsspiel. Erst mit einem Kraftakt in der zweiten Halbzeit wurde gegen Israel eine weitere Blamage verhindert. „Unsere WM-Gegner werden registriert haben, dass wir große Probleme im Spiel gegen offensive Formationen haben. Da müssen wir uns taktisch verbessern“, sagte Heuberger.

Auch im Zweikampfverhalten und in der Chancenverwertung zeigte sich der EM-Siebte über weite Strecken der beiden letzten Länderspiele des Jahres erschreckend schwach. In Abwesenheit der etatmäßigen Rückraumspieler Holger Glandorf und Lars Kaufmann verpasste es die zweite Reihe, sich in den Vordergrund zu spielen. Einzig Rückkehrer Michael Haaß deutete an, dass er bei der WM eine zentrale Rolle spielen könnte. Zwar nicht als genialer Spielmacher, wohl aber als solider Handball-Arbeiter, von dem in Abwehr und Angriff eine planbare Leistung zu erwarten ist.

Als gescheitert dürfte das Experiment mit Patrick Wiencek im Mittelblock der Abwehr bewertet werden. Während der junge Kieler in der Offensive durchaus zu gefallen wusste, wirkte er hinten auf der Position neben Kapitän Oliver Roggisch wie ein Fremdkörper. Immer wieder kamen die gegnerischen Kreisläufer frei zum Torwurf.

Im Hinblick auf die WM in knapp zwei Monaten gibt sich der Bundestrainer trotz der knappen Vorbereitungszeit optimistisch. „Wenn wir es schaffen, Konstanz in unser Spiel zu bringen, unsere Chancenverwertung zu verbessern und die einfachen Fehler zu minimieren, dann ist mir nicht bange und wir brauchen keine Bedenken haben“, sagte Heuberger, der den Großteil seines Teams erst bei einem Lehrgang Ende des Jahres wiedersehen wird.

Dann, zwei Wochen vor dem Turnier, könnte auch Michael Kraus wieder dabei sein. Ein Comeback des in Ungnade gefallenen HSV-Spielmachers schließt Heuberger nicht mehr aus. „Nur weil er jetzt nicht dabei war, heißt das nicht automatisch, dass der Zug abgefahren ist“, sagte Heuberger: „Ich werde in den nächsten Tagen mit ihm sprechen. Wenn er weiter seine Leistung bringt, ist nichts ausgeschlossen.“

Nach den jüngsten Eindrücken wäre es fast fahrlässig, auf die Dienste des extrovertierten Instinkthandballers zu verzichten. Kraus hat genau jenen Schuss an Genialität, Kreativität und Unbekümmertheit, den man im deutschen Spiel zurzeit vergeblich sucht - und dringend braucht.

sid

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