Abfahrer lecken ihre Wunden

"Drecksabfahrt" verhaut deutsche Ski-Stars

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Tobias Stechert wird abtransportiert

Beaver Creek/Lake Louise - Blutverschmierte Rennanzüge, eingedrückte Schneidezähne, ein blaues Auge: Nach dem Rennen in Beaver Creek sehen die deutschen Abfahrer aus wie nach einer Kneipenschlägerei.

„Das ist ein klassisches Lazarett“, berichtete Alpindirektor Wolfgang Maier nach den Unfällen seiner Abfahrer Tobias Stechert, Josef Ferstl und Stephan Keppler in Beaver Creek. Dann schimpfte er noch ein bisschen über „die Drecksabfahrt“ in den amerikanischen Rocky Mountains, die ihm - mal wieder - das komplette Team zerschossen hatte.

Stechert: Prellung des Fibulaköpfchens und Knorpelverletzung im linken Knie, OP am Montag, WM-Aus fast sicher. Aber, immerhin: Doch kein Kreuzbandriss. Ferstl: Ein Nasenbeinruch und zwei eingedrückte Schneidezähne. Keppler: Ein blaues Auge, eine Risswunde an der Braue und Prellungen am Oberschenkel. „Alles okay“, sagte Keppler - aber es war gar nichts okay. „Im ersten Moment habe ich gedacht: Es ist wohl am besten, wir sperren das Abfahrtsteam zu und fahren nur noch Slalom, Riesenslalom. Das alles hat mich sehr berührt“, sagte Maier, der für gewöhnlich nicht zur Gefühlsduselei neigt.

Und es ist ja auch zum Heulen: Stechert, in der Vorwoche Fünfter in Lake Louise, fuhr in der Form seines Lebens. In Beaver Creek lag er auf „Stockerl“-Kurs, womöglich wäre gar der erste Abfahrtstriumph eines Deutschen seit Max Rauffer im Dezember 2004 möglich gewesen - und dann: das Aus, für Wochen. Ferstl, ein verheißungsvolles Talent, wird laut Maier auch einige Zeit brauchen, bis er seinen schweren Sturz körperlich und mental verarbeitet hat. Keppler leidet fast schon an chronischen Kniebeschwerden, jetzt noch dieser Sturz. Nur Andreas Sander, der die Plätze 28 und 47 belegte, ist noch gesund.

Da kann man schon mal verzweifeln. „Ich setze mich seit vielen Jahren mit Leidenschaft für diesen Sport ein. Aber jedes Mal, wenn ich dachte, wir bekommen endlich was zurück, ist unser ganzes Team auseinandergeflogen“, sagte Maier und erinnerte an die Strodl-Brüder oder Florian Eckert. „Da denkst du dir: Kruzifix, was hast du denn eigentlich verbrochen? So ein Rotz!“, schimpfte Maier.

Nach Stecherts Missgeschick am Freitag habe er den anderen noch gesagt: „Jetzt erst recht, wir drehen das um.“ Dann kam der Samstag, „und es hätte doch in 100 Jahren keiner gedacht, dass wir da wieder zwei wegtragen können“. Doch so kam es. „Jetzt“, sagte Maier, „haben wir wieder gar nix mehr in der Hand.“

Bei den Frauen stellt sich die Lage wesentlich erfreulicher dar, obwohl Maria Höfl-Riesch mit ihrem Plätzen drei und sechs bei den beiden Abfahrten von Lake Louise nicht restlos zufrieden war. „Aber ich ärgere mich nicht“, sagte sie. Beide vom Nebel beeinträchtigten Rennen gewann Lindsey Vonn (USA), die in der ewigen Bestenliste mit 55 Siegen zur Schweizerin Vreni Schneider auf Rang zwei aufschloss.

Bei allem Verletzungspech gab es von den Frauen aber eine gute Nachricht. Gina Stechert, jüngere Schwester von Tobias, meldete sich nach fast zweijähriger, verletzungsbedingter Weltcup-Pause mit den Plätzen 14 und 15 unerwartet stark zurück. „Sie ist ein super Rennen gefahren“, sagte Cheftrainer Tom Stauffer nach der ersten Abfahrt, Stecherts zweite fand er immerhin „solide“. Das ist mehr, als man von den Männern künftig wird erwarten können.

sid

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