Nicht nur Schleck und Contador fehlen

Wo sind die ganzen Tour-Stars hin?

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Andy Schleck (rechts) fährt bei der Tour 2010 neben Alberto Contador über die Ziellinie

Lüttich - Die Hauptdarsteller der vergangenen Jahre fehlen bei der 99. Tour de France. Alberto Contador war gedopt, Andy Schleck ist verletzt. Die ganze Liste ist sogar noch länger.

Wenn am Samstag in Lüttich der Kampf ums Gelbe Trikot beginnt, wird sich Alberto Contador wohl gerade einsam über irgendeinen Pass quälen, wird Andy Schleck vor dem Fernsehen sein lädiertes Gesäß pflegen. Die beiden großen Protagonisten der vergangenen Jahre sind die prominentesten Namen, die beim Start der 99. Tour de France fehlen.

Die Gewinner der Tour de France seit 1989

Die Gewinner der Tour de France seit 1989

„Wenn ein Fahrer wie Contador ausfällt, ist das natürlich schade“, sagt Tour-Chef Christian Prudhomme, „aber wenn das Rennen einmal begonnen hat, denkt man nicht mehr daran.“ Um das spanische Kletterass herrscht momentan weitgehend Ruhe. Ungewöhnlich für jemanden, der seit 2007 beständig für die großen Schlagzeilen gesorgt hat. Für die positiven, wie bei seinen drei Tour-Siegen zwischen 2007 und 2010. Und für die negativen, als Contador den letzten Triumph als Dopingsünder am Grünen Tisch verlor.

„Ich freue mich, wenn ich aufs Rad zuückkehren und wieder mit Bjarne Riis und dem Rest des Teams arbeiten kann“, teilte der bis zum 5. August suspendierte Spanier unlängst mit. Ansonsten war bis auf wenige Ausnahmen Funkstille. Bilder machten die Runde, die Contador beim Training in den französischen Alpen zeigten. Weil er derzeit nicht dem Team Saxo Bank angehört, fuhr er im neutralen Dress, einem speziell designten Trikot mit Gruß- und Trostbotschaften seiner Fans. Auf der iberischen Insel gilt der 29-Jährige weiterhin als Opfer, das Comeback bei der Vuelta im September dürfte zum Volksfest werden.

Während Contador sich in den kommenden drei Wochen sicherlich nicht der Frankreich-Tour nähern wird, fährt Andy Schleck zumindest im Geiste mit. Der Luxemburger, der den befleckten Tour-Sieg 2010 von Contador erbte, kann nach einem Steißbeinbruch derzeit nicht aktiv eingreifen und hatte sich ohnehin mit höchst mäßiger Form durch die Saison gequält.

„Wenn ich die Fernsehbilder von den Champs Elysees sehen werde, dann wird das hart“, sagte Schleck, der aber mit seinem ältern Bruder Frank mitfiebert. Letzterer hatte sich allerdings bereits in leicht wehleidiger Diktion von größeren Ambitionen verabschiedet. „Ich möchte nicht Kapitän sein. Wenn ich als Leader enttäusche, werde ich mit Kritik überhäuft“, sagte der 32-Jährige, der 2006 in L'Alpe d'Huez gewann.

Auch das Bindeglied zwischen den beiden Topstars wird sich nicht in Frankreich blicken lassen. Johan Bruyneel, Contadors Teamchef von 2007 bis 2009 und aktuell für Schlecks Team RadioShack-Nissan verantwortlich, verzichtet auf die Tour. US-Behörden werfen dem Belgier vor, über viele Jahre an systematischen Dopingpraktiken gewesen zu sein, vor allem seinen Schützling Lance Armstrong mit medizinischer Unterstützung zu sieben Tour-Siegen geführt zu haben.

„Es ist bedauerlich, dass diese unbegründeten Anschuldigungen zu meinem Verzicht geführt haben“, sagte Bruyneel. Nicht ganz zusammenhanglos in diesem Sinne ist allerdings, das Bruyneel nur zu gut weiß, wie wenig zimperlich die französische Justiz mit vermeintlichen Dopingsündern umgeht. Als 1998 die Festina-Affäre für den größten Dopingskandal der Tour-Geschichte sorgte, reihte sich Razzia an Razzia. Mehrere Teams zogen sich daraufhin vom Rennen zurück. Auch Once, mit dem damaligen Profi Bruyneel.

Neben Contador und Schleck gehören viele andere, die einst die Tour prägten, in diesem Jahr nicht zum Fahrerfeld. Der Norweger Thor Hushovd beispielsweise, Gewinner des Grünen Trikots 2005 und 2009, konzentriert sich wegen gesundheitlicher Probleme auf die Olympia-Vorbereitung und steht nicht im BMC Racing-Team von Titelverteidiger Cadel Evans.

In London wird Hushovd auch auf den belgischen Topstar Tom Boonen treffen. Der Klassikerkönig dieses Frühjahrs bereitet sich gezielt darauf vor. „Ich habe die vergangenen beiden Spiele verpasst, deshalb versuche ich mich für diese neue Erfahrung bestmöglich in Form zu bringen“, sagte der 31-Jahre alte Teamkollege von Tony Martin bei Omega Pharma-Quickstep. Für Olympiagold verzichtet Boonen sogar auf ein Heimspiel: Der Tourstart in Lüttich liegt gerade eine Autostunde von seinem Heimatort Mol entfernt.

sid

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