Tödlicher Unfall bei Skicross-Weltcup

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Mediziner leisteten umgehend Erstversorgung

Grindelwald - Die spektakuläre olympische Disziplin Skicross hat ein erstes Todesopfer gefordert. Der Kanadier Nick Zoricic starb am Samstag nach einem schweren Sturz beim Weltcup-Rennen in Grindelwald. Eine Tragödie mit Ansage.

Die Lieblinge der Olympischen Spiele haben mit einem Todesfall ihre Unschuld verloren. Beim Weltcup-Rennen in Grindelwald in der Schweiz forderte das Spektakel Skicross ein erstes Opfer, Nick Zoricic aus Kanada erlag nach einem Sturz seinen Verletzungen. „Das ist ein sehr trauriger Tag für die ganze olympische Bewegung. Er war ein junger, talentierter Athlet, der auf tragische Weise bei dem Sport gestorben ist, den er geliebt hat“, sagte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Die Bilder des tödlichen Unfalls gingen rasend schnell um die Welt. Im vierten Achtelfinale, in dem auch Thomas Fischer aus Ruhpolding, Sohn von Biathlon-Legende Fritz Fischer, an den Start ging, steuerte der 29 Jahre alte gebürtige Bosnier den Zielsprung falsch an: Zoricic krachte in die Netze, die rechts neben dem Zielpfosten platziert waren, er überschlug sich und blieb bewusstlos liegen. Umgehend begonnene Reanimationsversuche blieben erfolglos. Um 12.35 Uhr wurde er für tot erklärt. Der Grindelwalder OK-Chef Christoph Egger sprach von einem „Tiefpunkt für den Skicross-Sport.“

Das Rennen wurde sofort abgesagt. Statt des geplanten zweiten Rennens am Sonntag gab es ein Gedenkfeier, zu Ehren von Zoricic fuhren die Mannschaften einen „memorial run“ auf der Strecke. Die Szene ist bestürzt, zumal schon am 19. Januar die kanadische Freestyle-Ikone Sarah Burke nach einem Sturz beim Superpipe-Training in Park City ihren Kopfverletzungen erlegen war. Aus aller Welt kamen Beileidsbekundungen, DSV-Präsident Alfons Hörmann sagte: „Die internationale Ski-Familie trauert um einen großartigen Sportler.“

Rogge hat Skicross als „aufregende und faszinierende Sportart“ bezeichnet. Die Disziplin aus dem Bereich Freestyle ist seit 2010 olympisch: vier Frauen oder Männer auf einem Parcour im Schnee mit Steilkurven, Wellen und Sprüngen, eine Art Stock-Car-Rennen auf Skiern, dazu atemraubende Flüge und Stürze. Bei der Premiere in Vancouver war das Publikum vor Ort und am Fernseher schnell begeistert. Schon damals, betont Wolfgang Maier, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV), „haben sie Glück gehabt.“

Maier ist beim DSV zuständig für die Skicrosser, er hat die Bilder aus Grindelwald gesehen, noch schlimmer: Er hat sie kommen sehen. Was Heli Herdt, sportlicher Leiter der deutschen Skicrosser, vor Ort noch als eine „Verkettung unglücklicher Umstände bezeichnete“, hält Maier zu seinem Bedauern für eine Tragödie mit Ansage: „Mit ein bisschen Weitsicht hätte das verhindert werden können“, sagte er dem Sport-Informations-Dienst (SID). „Es musste leider erst einer sterben, damit jetzt alle schreien.“

Seit der olympischen Premiere hat sich Skicross rasant entwickelt, es ist wilder, spektakulärer geworden. Die Sicherheitsvorkehrungen dagegen sind noch auf einem unzureichenden Niveau. „Das Thema muss überdacht werden“, sagt Maier mit beinahe bebender Stimme, „wir geben im alpinen Skisport Millionen für die Sicherheit aus, und beim Skicross lachen sie drüber.“ Man könne doch, ergänzt der DSV-Sportdirektor „das Niveau der Sicherheit nicht auf dem Stand von vor drei Jahren lassen, da fahren doch keine Amateure und Gaudiburschen mehr.“

Dem tödlichen Sturz von Zoricic ging ein Fahrfehler voraus. Dass aber dort, wohin der Kanadier stürzte, Fangnetze standen, um einen neben dem Zielgelände platzierten Container abzusichern, „ist normalerweise ein Unding“, erregt sich Maier. Wer und was für den Tod von Zoricic in der Tat verantwortlich ist, das untersucht jetzt die Schweizer Polizei. Als Todesursache wird bislang ein Schädel-Hirn-Trauma angenommen, wie der Internationale Ski-Verband FIS am Samstag mitteilte.

Zoricic war alles andere als unerfahren. Geboren in Sarajevo, war er im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Kanada ausgewandert. Er begann seine sportliche Karriere als alpiner Rennläufer, trat sogar viermal bei einem Weltcup-Slalom an, ehe er 2009 zum Skicross wechselte und dort den Durchbruch im Weltcup schaffte. In der vergangenen Saison belegte er immerhin Rang sechs im der Gesamtwertung, bei der WM 2011 war er Achter geworden. Am Samstag hatte er alles riskiert, noch auf Rang zwei und damit ins Viertelfinale zu kommen.

Die Skicrosser, wiederholt Maier bedrückt, „haben bislang Glück gehabt, dass nichts passiert ist.“ In der Tat: Schon bei der Premiere in Vancouver hatte es Szenen gegeben von Stürzen, die wie durch ein Wunder glimpflich ausgingen. Das Gleiche gilt für den furchterregenden Überschlag der derzeit verletzten Heidi Zacher aus Lenggries bei der WM 2011. „Da bleibt dir die Luft weg, wenn du das siehst“, sagt Maier. Er hätte freilich auch sagen können: Die Heidi hat Glück, dass sie noch lebt.

sid

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