Schreien, tanzen, trinken

Boll wird nach Bronze zum Feierbiest

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Timo Boll ließ sich nach dem letzten gewonnenen Einzel hochleben

London - Mit der Bronzemedaille im Team ist Olympia für Timo Boll doch noch versöhnlich zu Ende gegangen. Der deutsche Tischtennis-Star feiert nach dem letzten Punkt ungewohnt emotional.

Wer hätte das gedacht? Selbst in Timo Boll steckt ein Feierbiest. Nach seinem Bronze-Ball ließ der Star des deutschen Tischtennis, für den ein Hüpferchen bereits Ausdruck inneren Überschwangs ist, es krachen wie noch nie. Er feuerte ein gewaltiges „Chooooo!“ durch die ExCeL-Arena, dann sprang er Dimitrij Ovtcharov in die Arme. Am Ende tanzte Boll mit den Kollegen im Kreis herum - und ließ erahnen, dass er nicht ganz nüchtern ins olympische Dorf zurückkehren würde.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

„Olympia war eine Achterbahn für mich. Die Medaille im Mannschaftswettbewerb ist eine große Entschädigung, eine große Genugtuung“, sagte Boll. „Jetzt gehen wir aber feiern. Alkohol war eineinhalb Jahre lang tabu. Ein, zwei Bierchen reichen schon, um in Feierlaune zu kommen.“ Am Abend ging es erst mal zum Deutschen Haus am Canary Wharf in London.

Die Schinderei, für die er sich eigentlich mit einer Einzel-Medaille hatte belohnen wollen, sie war nun doch nicht vergebens. „Wir sind alle müde und erschöpft, wir haben so viel geopfert“, sagte der Rekord-Europameister, der nach dem 3:1 gegen Hongkong seinen Schläger „eine Woche lang weglegen“ will.

Mit ihrer Ausbeute haben die deutschen Herren die Olympia-Zielvorgabe des Verbandes von zwei Medaillen exakt umgesetzt, Ovtcharov hatte zuvor im Einzel sensationell Bronze gewonnen. Verbandspräsident Thomas Weikert sprach sogar von einem „historischen Erfolg“. Zwei Medaillen habe es noch nie gegeben.

Ovtcharov darf nun sogar von sich behaupten, im Tischtennis Geschichte geschrieben zu haben: Er ist der erste Europäer mit drei Olympia-Medaillen. Nachdem er Boll mit Schwung geherzt hatte, warf er seiner Freundin Jenny Handküsschen zu und atmete kräftig durch. „Puuh“, sagte er, „mir sind einige Steine vom Herzen gefallen. Ich habe so sehr gehofft, dass Timo es macht.“

Timo machte es. 3:1 gewann Boll das entscheidende Spiel gegen Jiang Tianyi. „Ich habe gezeigt, dass ich es noch nicht verlernt habe“, sagte der Düsseldorfer, der im Achtelfinale des Einzels am Rumänen Adrian Crisan gescheitert war.

Der Frage, ob er 2016 in Rio de Janeiro noch dabei sein werde, wich er aus, es war gedanklich einfach zu weit weg. „Mental“, sagte der 31-Jährige nur lächelnd, „bin ich noch jung. Körperlich? Naja.“

Für Boll beginnt nach London so oder so ein spannender Lebensabschnitt: Mit Ehefrau Rodelia wird die Familienplanung in Angriff genommen. „Wenn man über 30 ist, tickt die Uhr irgendwann“, sagte Boll und deutete an, seinen Turnierkalender zu entrümpeln.

Acht Jahre, also zwei Olympia-Zyklen jünger ist Ovtcharov. Ein Mann der Zukunft, der „einfach nur überglücklich“ war, denn er wollte „auf keinen Fall als Vierter nach Hause gehen“. Am Donnerstag gegen 14.00 startet der Flieger nach Deutschland.

Auch Bastian Steger, der „Schattenmann“ in der deutschen Mannschaft, wird an Bord gehen. Genauer gesagt: Er wird an Bord humpeln. Denn Steger hatte sich gerade abseits des Geschehens für sein Einzel eingespielt, zu dem es nicht mehr kam, weil Boll schon den Sack zumachte. Im Augenblick des Matchballs sprintete Steger zu seinen Teamkollegen, sofort schmerzte es. „Ich habe mir eine Zerrung geholt“, berichtete er anschließend. „Das war Usain-Bolt-verdächtig. So schnell bin ich noch nie gelaufen.“

sid

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