Betrugsprozess

Schumacher nennt Namen von Doping-Arzt

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Stefan Schumacher vor Gericht

Stuttgart - Im Betrugsprozess gegen den geständigen Dopingsünder Stefan Schumacher hat der Radprofi zum ersten Mal den Namen eines angeblich beteiligten Arztes genannt.

Stefan Schumacher war sauer. „Ich hatte den Knopf am Mikro schon gedrückt, aber es war dann schlauer, nicht das zu sagen, was ich wollte“, sagte der wegen Betrugs angeklagte Radprofi am Dienstag nach dem dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht Stuttgart. Sein Anwalt Dieter Rössner habe ihn zurückgehalten, nachdem sein ehemaliger Teamchef Hans-Michael Holczer sich zuvor emotional und lautstark über Schumacher ausgelassen hatte und ihn zum Abschluss einen „fremdgesteuerten Idiot“ nannte.

Allerdings hatte auch Schumacher sich in Saal eins nicht immer im Griff - und verriet so ungeplant erstmals den Namen eines angeblich am Doping beteiligten Arztes des damaligen Teams Gerolsteiner. „Das kam aus der Emotion“, sagte der 31-Jährige. „Es sind nicht nur die anderen Schuld. Er ist immer nur das Opfer“, beschwerte er sich über den zweiten Teil von Holczers Aussagen vor Gericht. Der Mediziner wollte sich zu den Anschuldigungen auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa nicht äußern. Holczer muss als Zeuge am nächsten Verhandlungstag ein drittes Mal in Stuttgart aussagen.

"Doping ist in der Mannschaft relativ offen angesprochen worden"

Schon vor den Kontrollverlusten Holczers und Schumachers hatten sich im Betrugsprozess Widersprüche ergeben. Der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Gerolsteiner, Christian Henn, hatte am Vormittag ausgesagt, Doping sei im Team „kein Thema“ gewesen. Holczer gab wenige Stunden später zu Protokoll: „Das Thema Doping ist in dieser Mannschaft relativ offen angesprochen worden.“ Er habe die Mannschaft deutlich und mehrfach darauf hingewiesen, Doping zerstöre den Radsport.

Henn gab an, er habe weder den Verdacht gehabt, dass Fahrer im Team gegen Dopingregeln verstoßen, noch habe er sich mit jemandem über leistungssteigernde Methoden unterhalten. Auch bei anderen Themen, wie dem Zugang zu Medikamentenboxen oder den Gebrauch von Messgeräten, gingen die Aussagen auseinander.

"Wie hätte mir das auffallen sollen?"

Der 49 Jahre alte Ex-Telekom-Profi Henn vermittelte vor Gericht den Eindruck, über viele Abläufe im Radteam nicht informiert gewesen zu sein. Auf Fragen antwortete er häufig mit „Davon weiß ich nichts“. Dass zahlreiche Fahrer dopen würden, unter anderen Schumacher, habe er nicht bemerkt. „Wie hätte mir das auffallen sollen?“ Auf die Frage, ob er der Meinung gewesen sei, weil das Blutdopingmittel Epo nachweisbar war, habe es kein Fahrer mehr benutzt, antwortete Henn: „Kann man so sagen, ja.“

In der Befragung durch Schumachers Anwälte musste Henn allerdings eingestehen, dass er zumindest von dem Mittel „Nitro“ (Nitrolingual) durch Gespräche im ehemaligen Team Gerolsteiner erfahren habe. Nach Angaben von Schumacher, der Doping vor dem Prozess in Interviews gestanden hatte, nutzen Radfahrer die Substanz, um im Endspurt mehr Leistung bringen zu können.

Schumacher: Kein Betrug, denn Teamchef wusste bescheid

Schumacher wird vorgeworfen, seinen ehemaligen Teamchef um Gehalt in Höhe von mehr als 150.000 Euro betrogen zu haben. Er habe trotz Nachfrage Doping bei der Tour de France 2008 geleugnet. Im Nachhinein war er aber positiv getestet und für zwei Jahre gesperrt worden. Schumacher vertritt den Standpunkt, er habe niemanden betrogen, da Holczer über die Dopingpraktiken im Team Bescheid wusste.

Nach Henns Befragung durch das Gericht ergriff Schumacher noch vor seinen Verteidigern das Wort. Er warf Henn vor, „Unsinn“ zu reden. Der Schwabe versuchte, seinen ehemaligen Sportchef, der 1999 selbst positiv getestet worden war und deswegen seine Radsportkarriere beendete, an geführte Gespräche über die optimale Doping-Dosierung zu erinnern. Auch habe es bereits vor der Tour de France 2008 einen Hinweis von der Teamleitung an die Fahrer gegeben, dass das Blutdopingmittel CERA nachweisbar sei.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

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Henn bestritt diese Gespräche. Er habe von CERA erstmals an jenem Tag gehört, als der Italiener Riccardo Riccò bei der Tour erwischt worden sei. Da Schumacher auf die Nachweisbarkeit des Mittels nervös reagiert habe, sei er in der Folge von Holczer, Teamarzt Mark Schmidt und ihm zur Rede gestellt worden. In diesem Punkt decken sich die Aussagen von Holczer, Schumacher und Henn.

Henn konnte nicht erklären, warum in einem von ihm „zu einem späteren Zeitpunkt“ angefertigten Gedächtnisprotokoll der Unterredung unterschiedliche Schriftgrößen auftauchten. Auch für einen handschriftlichen Vermerk „von Henn“ hatte er keine Erklärung. Er selbst habe die Notiz nicht gemacht. Holczer gab später an, von ihm stamme der Vermerk auch nicht.

Holczer musste kurz vor dem Ende der Verhandlung zugeben, sich über die Zeugenaussagen von Henn am Vormittag informiert zu haben. Der Prozess wird mit seiner Befragung durch die Verteidigung am kommenden Dienstag (09.15) fortgesetzt.

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