Vom Punkt zum Funktionär

Kretzsche wird 40: "Tut dem Handball gut"

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Stefan Kretzschmar feiert seinen 40. Geburtstag

Hamburg - Laut, direkt, polarisierend: Stefan Kretzschmar ist sich trotz seiner Metamorphose vom Handball-Punk zum Funktionär stets treu geblieben. Am Sonntag wird er 40.

Er hat als Spieler schon mal gekifft und gesoffen, wurde als extrovertierter Handball-Punk von den Fans geliebt und als einer der besten Linksaußen der Welt von seinen Gegnern gehasst. Sechs Jahre nach seinem Karriereende scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben, denn noch immer ist Stefan Kretzschmar allgegenwärtig. Als Chef-Kritiker und internationales Aushängeschild des deutschen Handballs ist der polarisierende Leipziger für die kriselnde Sportart unabkömmlich.

„Stefan hält nie mit seiner Meinung hinterm Berg und kommt schnell auf den Punkt. Er tut dem Handball gut“, sagte Horst Bredemeier vor Kretzschmars 40. Geburtstag am Sonntag dem SID. Der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) weiß um die Verdienste des 218-maligen Nationalspielers. Kretzschmars mitunter heftige Attacken, vor denen nichts und niemand gefeit ist, gehören dazu. „Er ist ein Lautsprecher, das ist sein Job und vollkommen in Ordnung“, sagte Bredemeier.

Immer etwas bunter, etwas schriller und etwas lauter als die anderen - das ist seit jeher Kretzschmars Naturell. In seiner Biographie „Anders als erwartet“ schreibt er von Sauf-Ritualen, die er in seiner Zeit beim VfL Gummersbach (1993-1996) erlebte, als er vor versammelter Mannschaft als 20-jähriger Jungspund im alkoholisierten Zustand zum Thema „Intim-Tätowierungen in der ostdeutschen Zone“ referieren musste.

Bei der Europameisterschaft nur ein Jahr später kiffte Kretzschmar mit „fast der kompletten französischen Nationalmannschaft“ um die Wette, bis plötzlich der damalige deutsche Co-Trainer Michael Biegler in der Tür des Hotelzimmers stand, um ihn zur Ehrung des besten Linksaußen des Turniers abzuholen. Erst kurze Zeit später wurde Haschisch auf den Dopingindex gesetzt.

Noch länger als die Liste seiner nächtlichen Ausflüge ist aber die seiner Erfolge. Seine beste Zeit erlebte Kretzschmar beim SC Magdeburg, für den er zwischen 1996 und 2007 den Großteil seiner 1694 Bundesliga-Treffer erzielte. In der altehrwürdigen Bördelandhalle wurde er 2001 deutscher Meister und gewann im folgenden Jahr mit dem SCM als erste deutsche Mannschaft die Champions League.

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Sein herausragendes Talent auf dem Feld und seine lockere Art außerhalb des Platzes machten „Kretzsche“ in den 1990er Jahren schnell zum Glamourboy des deutschen Handballs. Immer häufiger zierte der Mann mit den wilden Tatoos und den zahlreichen Piercings die Titelbilder der Zeitschriften und wurde Dauergast in TV-Talkshows. Im Zenit seiner Popularität bekam er beim Musiksender MTV von 1999 bis 2001 sogar seine eigene Sendung. Es war die Zeit, als er die Schwimmerin Franziska van Almsick kennenlernte, mit der er vier Jahre lang liiert war.

Es gibt aber auch die nachdenkliche, sensible Seite des Stefan Kretzschmar. Vor allem wenn es um sein privates Umfeld geht, wird der Lautsprecher zum Leisetreter. Seine Familie mit Tochter Lucie-Marie (12) und Sohn Elvis Ernesto (4) genießt oberste Priorität. „Es gibt nichts Wichtigeres als meine Kinder. Wenn ich mit ihnen Zeit verbringe, kann auch nichts dazwischen kommen“, sagte Kretzschmar unlängst der Leipziger Volkszeitung.

Das gelte auch für seine Eltern - Mutter Waltraud, die als Handballerin mit der DDR dreimal Weltmeisterin wurde, und Vater Peter, der es im Feldhandball zum Nationalspieler brachte. Sie nehmen eine „unfassbare Stellung ein“.

Zurzeit tingelt Kretzschmar als TV-Experte und Handball-Botschafter durchs Land, ist zudem ehrenamtliches Mitglied im Aufsichtsrat des Zweitligisten SC DHfK Leipzig. In seiner Geburtstadt fühlt er sich wohl. Und doch könnte bald eine Veränderung ins Haus stehen: Beim DHB hat er sich für den Posten als Teammanager ins Gespräch gebracht.

Kretzschmar als Oliver Bierhoff des Handballs? Der Popularität der Sportart würde das sicherlich guttun.

sid

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