Gemischte Wettkämpfe mit Frauen

Skispringen 2.0: Roter Knopf und zweite Haut

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Andreas Kofler (vorne) feiert seinen Sieg bei der Vierschanzentournee

Lillehammer - Am Wochenende starten die Skispringer in den WM-Winter. Neuerungen wie hautenge Anzüge, ein ominöser roter Knopf und gemeinsame Wettkämpfe mit den Frauen sorgen für Diskussionen.

Früher, sagt Gregor Schlierenzauer, war Skispringen eine einfache Sache. „Jeder hat gewusst: Der Weiteste gewinnt.“ Dann kamen „Windregel, Gateregel, Skilänge“, jedes Jahr wurde es komplizierter. Wenn am Wochenende in Lillehammer die neue Saison beginnt, gehen die Diskussionen in eine neue Runde: Diesmal sind es hautenge Anzüge, ein ominöser roter Knopf und gemeinsame Wettkämpfe mit den Frauen, die für viel Gesprächsstoff sorgen.

Besonders der neue Anzug, eine Art „zweite Haut“, provozierte einen Aufschrei. Schlierenzauer, als amtierender Tournee-Gewinner der Vorflieger der Szene, schrieb sogar einen Protestbrief an den Weltverband FIS. „Mit den engen Anzügen werden einige Probleme auf uns zukommen“, mahnte der Österreicher im Kurier. Mit Erfolg: Zwischen Körper und Stoff dürfen künftig immerhin zwei Zentimeter Luft statt der bisherigen sechs liegen - zunächst waren null Zentimeter geplant.

Was laut FIS einen geringeren Windeinfluss und mehr Chancengleichheit bringen soll, nennt Bundestrainer Werner Schuster einen „gravierenden Einschnitt. Die Fläche am Oberkörper wird reduziert, der Springer kommt schneller in die Flugposition“, erklärt Schuster. Gerade kleine Springer wie Richard Freitag aus Aue scheinen im Nachteil. „Ich habe mich zunächst sehr schwer getan“, sagt der deutsche Hoffnungsträger, der im Sommer den Erwartungen hinterherflog. Erst der Zwei-Zentimeter-Kompromiss, von Freitag „kleines Zuckerli“ genannt, brachte das „alte Gefühl“ in Ansätzen zurück.

Andere wie der 1,90-m-Riese Andreas Wank könnten dagegen von dem Anzug profitieren. Im Sommer gewann der Oberhofer als erster Deutscher seit Sven Hannawald die Grand-Prix-Serie. „Ich komme relativ gut mit dem neuen Anzug zurecht. Ich bin durch die Regel sicher nicht benachteiligt“, sagt der 24-Jährige. Spannend wird zudem, ob alle Springer die richtigen Abmessungen finden. Bei Tests im zweitklassigen Continental Cup hagelte es im Sommer wegen Verstößen etliche Disqualifikationen.

Für Verwirrung dürfte zudem der umstrittene „rote Knopf“ sorgen. Mit dem „Buzzer“ können Trainer bei schwierigen Windbedingungen die Anlauflänge für ihre Athleten verkürzen - auf dieser Art aber auch absichtliche Verzögerungen bewirken. Nicht nur Schuster hat daher Zweifel. „Wir hatten so etwas schon im Sommer vor vier Jahren“, sagt der Bundestrainer: „Damals hat man Rhythmen unterbrochen, viel taktiert. Wenn das so angewendet wird, ist das für unsere Sportart und für die Außendarstellung kontraproduktiv.“

Die FIS begründet den Knopf mit erhöhter Sicherheit für die Springer. Die sehen den Nutzen jedoch nur bedingt. „Für mich ist es einfach zu kompliziert - nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für den Athleten“, sagte Schlierenzauer bei laola1.at: „Die Jury tut sich extrem schwer, die richtige Anlauflänge zu finden. Dieses ewige Hin- und Herwechseln interessiert keinen mehr.“

Und dann ist da noch das Mixed-Teamspringen. Zwei Männer und zwei Frauen treten in dem neuen Wettbewerb für ihr Land an, die Idee stößt auf breite Zustimmung. Kurios nur: Im kommenden Februar steht das Mixed-Springen auf dem WM-Programm, wird vorher aber im Weltcup nur ein einziges Mal getestet - gleich am Auftakt-Wochenende in Lillehammer. Da im Frauen-Skispringern aber ein enormes Leistungs-Gefälle herrscht, wird die Entscheidung um WM-Gold wohl von den besten Springerinnen abhängen. Oder eben von den schlechtesten.

Unter dem Strich bleibt vor der neuen Saison der Eindruck, dass Skispringen so kompliziert wird wie nie. „Es ist unübersichtlich geworden“, sagt Schlierenzeuer: „Warum funktioniert der Fußball? Weil er eine einfache Sportart ist. Wer das Tor schießt, der gewinnt. Da darf Österreich gegen Brasilien auch nicht mit einem 4: 0-Vorsprung beginnen, nur weil wir in der Weltrangliste weit hinter den Brasilianern sind.“

sid

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