Schwimm-Cheftrainer gesucht: Einer wie Hoeneß

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Olympia-Legende Roland Matthes hätte gerne einen wie Uli Hoeneß (links), doch der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) sucht seinen neuen Cheftrainer nach ganz anderen Kriterien.

London - Olympia-Legende Roland Matthes hätte gerne einen wie Uli Hoeneß, doch der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) sucht seinen neuen Cheftrainer nach ganz anderen Kriterien.

„Solides Fachwissen“ sollte der Bewerber ebenso mitbringen wie Erfolgsorientierung, EDV-Kenntnisse und die „Beherrschung moderner Kommunikationstechniken“, heißt es in der Stellenanzeige. Leistungssportdirektor Lutz Buschkow hofft „auf ein paar aktive Bewerbungen in der entsprechenden Qualität“.

Es sieht nicht so aus, als wisse der DSV, wie es nach dem Olympia-Debakel weitergehen soll. Seit der Trennung von Dirk Lange ist der Posten des Bundestrainers Schwimmen nicht besetzt. Ob der Neue nur Bundes- oder doch Cheftrainer werden soll, ist ebenfalls noch offen. Man kann sich für beide Funktionen bewerben. Arbeitsbereich? Kompetenzen? Keine Angaben.

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Ob sich schon geeignete Bewerber gemeldet haben, sagte Buschkow nicht. Zu Wort meldeten sich aber schon die Kritiker, die das Anforderungsprofil ein wenig schärften. Es müsse jemand kommen, der „auf den Schlamm haut und den Weg vorgibt“, forderte der viermalige Olympiasieger Matthes im Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt: „Das muss wie in einer großen Firma sein. Wie bei VW oder Bayern München. Dem Schwimmsport fehlt ein Uli Hoeneß.“

Nach den Spielen von Peking war Lange mit einigen neuen Ideen angetreten. Doch der Hamburger, der unter anderem Freistilsprinterin Sandra Völker 1996 zu drei Medaillen geführt hatte, scheiterte am Kompetenzgerangel mit Buschkow und den Trainern der Olympia-Stützpunkte. Die Beförderung zum Cheftrainer blieb aus, Ende November trennte man sich nach monatelangem Streit. Ob Buschkow nach Olympia weitermacht, ist offen.

Nach dem Gold-Triumph seines südafrikanischen Schützlings Cameron van der Burgh in London forderte Lange personelle Konsequenzen beim DSV. „Ich erwarte, dass Rücktritte angeboten werden. Wenn man die Verantwortung übernimmt, muss man auch die Konsequenzen tragen“, sagte der Ex-Bundestrainer dem Sport-Nachrichtensender Sky Sport News HD: „Wir haben eine sehr gute Basis, mit sehr guten Sportlern. In meinen Augen gehören Britta Steffen und Paul Biedermann zu den besten Schwimmern der Welt. Sie müssen nur in die entsprechende Verfassung gebracht werden.“

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Nicht nur einen starken Bundestrainer, sondern auch strukturelle Veränderungen fordern ehemalige Schwimmer. „Es geht nicht nur um eine Personalie. Es ist ein Problem, das wir schon ganz lange haben. Unsere Schwimmer sind nicht mehr in der Lage, zweimal am Tag Vollgas zu schwimmen“, sagte Ex-Weltmeisterin Franziska van Almsick dem SID: „Es wäre schön, wenn jetzt ein Neuanfang gemacht würde. Es müssen Veränderungen kommen, es muss wirklich richtungsweisend gearbeitet werden in den nächsten vier Jahren.“ In der Vergangenheit habe „der eine oder andere Erfolg das eigentliche Problem verdeckt“.

Laut Matthes liegt der Fehler im System. „Es ist traurig, aber wahr: Wir sind zu einem Schwimmentwicklungsland mutiert“, sagte der 60-Jährige, der 1968 in Mexiko-Stadt und 1972 in München jeweils Gold über 100 und 200 m Rücken gewonnen hatte: „Das ganze System, die Strukturen müssen radikal geändert werden.“ Es gebe „nicht genügend Athleten, die sich zerreißen würden, und auch nicht ausreichend Trainer, die aus den Sportlern Weltspitzenleistungen herausholen können“.

Matthes regte eine stärkere Konzentration auf die Spitzenathleten und vor allem eine Abkehr vom stark föderalistisch geprägten System der Olympiastützpunkte an. „Es muss auch eine Konzentration der Kräfte geben. Die Besten müssen zusammen trainieren. Nur tägliche, harte Konkurrenz bringt dich voran“, sagte er.

Besonders auffällig im Vergleich zur internationalen Konkurrenz: Als Junioren räumen deutsche Schwimmer bei Welt- und Europameisterschaften Medaillen ab, doch den Sprung zu den „Großen“ schaffen sie nicht. Im DSV-Team von London stehen allein vier Welt- oder Europameister der vergangenen Jahre im Juniorenbereich: Dimitri Colupaev, Alexandra Wenk, Silke Lippok und Christian vom Lehn. Die Talente anderer Länder sind in vielen Fällen aber schon davongeschwommen.

Von Thomas Lipinski und Tobias Küpper

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