Schwarzkopf: Silber, Disqualifikation, Silber

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Völliges Chaos: Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf am Samstagabend.

London - Erst Silber, dann disqualifiziert, dann doch Silber: Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf musste beim abschließenden 800-Meter-Lauf nervlich einiges aushalten.

Lilli Schwarzkopf tigerte ratlos über die Laufbahn und konnte kaum begreifen, was sie da auf der Anzeigetafel sah: „DQ“ stand darauf, disqualifiziert. Statt die Silbermedaille um den Hals gehängt zu bekommen, stand sie nach dem abschließenden Lauf über 800 m im Siebenkampf kopfschüttelnd da. Dann folgte eine Rolle rückwärts des Kampfgerichts, und am Ende durfte sich Schwarzkopf dann doch über den größten Erfolg ihrer Karriere freuen - was Olympiasiegerin Jessica Ennis unter dem Jubel der 80.000 Zuschauer schon längst hinter sich hatte.

Die 28-Jährige wusste zunächst nicht, wie ihr geschah, doch nach reichlich Gefühlschaos schien klar: Das Kampfgericht hatte bei der Überprüfung der Startphase einen haarsträubenden Fehler begangen und statt der Russin Kristina Sawitskaja auf Bahn sechs Schwarzkopf auf Bahn fünf disqualifiziert. „Die Briten haben schon einen eigenartigen Humor“, sagte die gebürtige Kasachin. Sie sei „total schockiert gewesen“, dann aber strahlte sie vor Glück. Der Deutsche Leichtathletik-Verband gab bekannt, die Disqualifikation sei zurückgenommen worden, noch ehe man überhaupt Protest habe einlegen können.

Im Sog der neuen Siebenkampf-Queen Jessica Ennis hatte Schwarzkopf zuvor ihr Herz in beide Hände genommen. Mit einer bemerkenswerten Energieleistung rannte sie von Rang fünf aus mit persönlicher Bestleistung (6649) noch auf den am Ende dann doch gültigen zweiten Platz in der Gesamtwertung. Es ist die erste olympische Medaille einer deutschen Mehrkämpferin seit 1992: Damals hatte Sabine Braun in Barcelona Bronze gewonnen.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

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Gold ging unter den Augen von Prinz William und seiner Frau Kate wie erwartet an Top-Favoritin Ennis. Die Britin kam auf 6955 Punkte. Damit verpasste das Postergirl der Nation nur knapp als vierte Frau der Geschichte die Marke von 7000 Punkten. Hinter der 26 Jahre alten Weltmeisterin von 2009 und Europameisterin von 2010 sowie Schwarzkopf holte Russlands Weltmeisterin Tatjana Tschernowa Bronze.

Die WM-Dritte Jennifer Oeser aus Leverkusen, die in der Vorbereitung auf London von hartnäckigen Achillessehnenproblemen geplagt worden war, musste im abschließenden 800-m-Lauf ihrem Körper Tribut zollen und verletzt aufgeben. Mit Tränen in den Augen verließ sie die Bahn. „Es ist überhaupt ein Wunder, dass ich hier starten konnte“, sagte sie. Julia Mächtig aus Neubrandenburg sammelte lediglich 5338 Zähler und belegte Rang 31.

Schwarzkopf hatte nach einem starken Wettkampf am Ende alles gegeben. „Das ist die Chance meines Lebens. Ich muss mir die Seele aus dem Leib rennen“, hatte sie vor der letzten Disziplin angekündigt - und sie hielt Wort. Die leidenschaftliche Tänzerin verausgabte sich auf den zwei Stadionrunden völlig und krönte ihre beeindruckende, weil sehr ausgeglichene Vorstellung von London.

Von Beginn an nicht zu schlagen war die 26 Jahre alte Ennis. Mit ihren lautstarken Fans im Rücken lieferte die neue Regentin des Siebenkampfes eine beeindruckende Show ab und lief mit 12,54 Sekunden über 100 m Hürden sogar Weltbestleistung im Mehrkampf. „Ein Traum wird wahr. Das waren zwei unvergessliche und brillante Tage“, sagte die 26-Jährige, nachdem sie ihre Gold-Mission erfolgreich erfüllt hatte.

sid

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