14. Etappe der Tour de France

Reißnagel-Attacke bei Sanchez-Sieg

+
Luis-Leon Sanchez bejubelt seinen Tagessieg

Foix - Das idiotische Verhalten einiger unverbesserlicher Zuschauer hat auf der 14. Etappe der Tour de France zahlreiche Fahrer in Gefahr gebracht.

Andre Greipel hat am französischen Nationalfeiertag den Party-Schreck für die Gastgeber gespielt und sich mit einem neuerlichen Parforceritt zum dritten Tagessieg bei der Tour de France selbst ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk beschert. Eine hinterhältige Attacke mit auf dem Asphalt verstreuten Reißnägeln sorgte indes für den negativen Höhepunkt der ersten Pyrenäen-Etappe am Sonntag. Prominentestes Opfer war Vorjahresieger Cadel Evans.

Rund 200 m vor der Passhöhe der Mur de Peguere hatten unbekannte Wirrköpfe die messerscharfen Metallspitzen auf den Straßenbelag befördert, bevor das Feld der Favoriten eine gute Viertelstunde hinter einer Ausreißergruppe die Bergwertung passierte. Tour-Renndirektor Jean-Francois Pescheux präsentierte als Beweis kopfschüttelnd im Ziel die Nägel, die reihenweise Reifen hatten platzen lassen.

„Ein oder zwei Zuschauer haben die Dinger auf die Straße geworfen. Rund 30 Fahrer waren betroffen, ich habe Andreas Klöden das Rad von Teamkollege Maxime Monfort nehmen sehen. Manche hatten zwei oder drei Nägel im Reifen. Was soll ich sagen - es gibt immer wieder Idioten da draußen“, sagte Pescheux fassungslos.

Besonders schlimm erwischte es Evans. Der Australier, der in den Alpen die mögliche Titelverteidigung fast schon verspielt hatte, stand plötzlich ohne Hinterreifen da, der Teamwagen war weit entfernt. Stattdessen wollte BMC-Kollege Steven Cummings aushelfen, dessen Pneu war allerdings auch platt. Wild gestikulierend wartete Evans über eine Minute mit derangiertem Rad, ehe er von Teamkamerad Ama‰l Moinard Ersatz bekam. Auf der Abfahrt musste Evans anhalten und nachjustieren lassen, dabei fiel der Mechaniker gleich zweimal in den Straßengraben.

Die gesamte Szenerie wirkte zunächst wie Slapstick - kaum auszudenken aber, wie gefährlich eine solche Attacke auf der Abfahrt gewesen wäre. Für Evans endete das Chaos glimpflich, dem Ehrenkodex entsprechend nahmen die weiteren Favoriten um Wiggins auf der Abfahrt das Tempo heraus, ließen den Abgehängten wieder aufschließen.

Greipel hatte 24 Stunden zuvor mit der südfranzösischen Sonne um die Wette gestrahlt. „Ich bin einfach überglücklich“, sagte der Topsprinter nach seinem Coup im Seebad Cape d'Agde, mit dem er seinen Status als schnellster Mann im Feld untermauerte, „ich habe jetzt alles erreicht, was ich erreichen wollte.“ Es könnte noch mehr werden: Am Montag, seinem 30. Geburtstag, sieht alles nach der erneuten Greipel-Show aus.

Nach 217 km hatte der Lotto-Profi bei Temperaturen um 30 Grad seinem Spitznamen „Gorilla“ alle Ehre gemacht und sich nach einem wahren Kraftakt hauchdünn vor seinem slowakischen Rivalen Peter Sagan (Liquigas) durchgesetzt. Sagan musste sich auch am Sonntag in Foix mit Platz zwei hinter dem Spanier Luis Leon Sanchez (Rabobank) begnügen. Das Grüne Trikot ist Shootingstar Sagan indes kaum mehr zu nehmen.

Greipel rückte in Cape d'Agde in den illustren Kreis der deutschen Radprofis auf, die mindestens drei Etappen bei einer Frankreich-Rundfahrt gewonnen haben: Vor dem Lotto-Profi war dies nur Rudi Altig (3/1962, 3/1966), Dietrich Thurau (5/1977), Erik Zabel (3/1997, 3/2001) und Jan Ullrich (3/1998) gelungen. Greipel indes will sich auf keine Jagd nach „deutschen Rekorden“ fokussieren: „Ich fahre für ein belgisches Team, um mit dem habe ich alles erreicht, was ich wollte.“

Wie erwartet hatte am Samstag der Mont Saint-Clair, ein bis zu 20 Prozent steiler Anstieg rund 25 km vor dem Ziel das Feld explodieren lassen. Während Sagan (Liquigas) mit den Klassement-Favoriten um den britischen Gesamtführenden Bradley Wiggins (Sky) über die Kuppe zog, musste Greipel wie Weltmeister Mark Cavendish (Großbritannien/Sky) zunächst abreißen lassen. Im Gegensatz zu Cavendish, der chancenlos zurückfiel, hielt sich Greipel aber am Berg sehr ordentlich und kam wieder an die Spitze zurück. „Ich war schließlich mal deutscher Junioren-Meister im Bergfahren, auch wenn ich da zehn Kilo leichter war“, sagte Greipel.

Der Ritt über 191 km und die beiden ersten Pyrenäen-Gipfel ging derweil am Sonntag mächtig an die Substanz. Zeitweise dick eingepackt mühte sich das Feld bei empfindlicher Kühle und Regen über den Port de Lers (1517 m) und die Mur de Peguere (1375 m). Wiggins und seine Sky-Kollegen machten keine Anstalten, eine 10-köpfige Ausreißergruppe um den belgischen Klassikerstar Philippe Gilbert (BMC) und Sagan zu stellen, kontrollierten das Tempo im Hauptfeld.

Zehn Kilometer vor dem Ziel in Foix trat Sanchez an, sicherte sich seinen insgesamt vierten Tour-Etappensieg und bescherte dem gebeutelten Rabobank-Team ein Erfolgserlebnis - die Niederländer haben nur noch vier Fahrer im Rennen.

Am Montag stehen 158,5 zumeist flache Kilometer zwischen Samatan und Pau an, wo sich wieder die Sprinter duellieren dürften - alles scheint bereitet für Greipels großes Gebursttagfest.

sid

Die Gewinner der Tour de France seit 1989

Die Gewinner der Tour de France seit 1989

Kommentare