Video-Überwachung bei den Eintracht-Experten

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Experten analysieren entscheidene Spielszenen der Gegner vor dem Bildschirm.

Frankfurt – Die Eintracht-Experten Ralf Weber, Marcel Daum und Ex-Profi Bernd Hölzenbein werten mit Videoaufnahmen die Stärken und Schwächen, Lauf- und Passwege und – ganz wichtig – das Verhalten bei Standardsituationen der Gegner aus.

Rückblick: 14. März 1995. Im Viertelfinale des Europapokals tritt die Frankfurter Eintracht im Stadion Delle Alpi bei Juventus Turin an. Gegen die Stars um Roberto Baggio und Alessandro del Piero gelten die Frankfurter nach dem 1:1 im Hinspiel als Außenseiter. Vor dem Spiel kommt die Wandtafel, der so genannte Flip-Chart, zum Einsatz. Darauf erklärt Trainer Jupp Heynckes die taktische Marschroute. Dann schiebt er eine Video-Kassette in den Rekorder und führt einzelne Szenen der Italiener vor. Das Bild ist unscharf, die Kassette ruckelt. „So haben wir uns damals auf die Spiele vorbereitet“, erinnert sich der frühere Eintracht-Kapitän und heutige Video-Analyst Ralf Weber.

Infos zu Ralf Weber

Der gebürtige Hainstädter Ralf Weber spielte für Kickers Offenbach 50 Mal in der 2. Fußball-Bundesliga (sechs Tore), ehe er 1989 zum Rivalen Eintracht Frankfurt wechselte. Dort absolvierte er 182 Erstligapartien (19 Tore) und 32 Zweitliga-Begegnungen (zehn Tore). Nach zahlreichen Operationen und erfolglosen Reha-Versuchen beendete der frühere Eintracht-Kapitän 2001 seine Karriere. Für die Frankfurter arbeitet der 42-Jährige mittlerweile als Spielerbeobachter und Video-Analyst, ist aber auch den Kickers noch verbunden.

Ob es daran lag, dass die Frankfurter beim 0:3 in Turin chancenlos waren und die Segel streichen mussten? Heute stapeln sich die DVD’s mitZusammenschnitten von Spielen und Spielern auf den Schreibtischen in der Eintracht-Geschäftsstelle. Die Scouting- und Videoabteilung des Zweitligisten um Weber, Marcel Daum und Ex-Profi Bernd Hölzenbein hat alle Hände voll zu tun. Video-Kassetten findet man nur noch im Archiv. „Wir beobachten die letzten vier bis fünf Spiele des nächsten Gegners und schneiden daraus eine halbe Stunde Material zusammen“, sagt Marcel Daum. Darauf zu sehen: Stärken und Schwächen, Lauf- und Passwege und – ganz wichtig – das Verhalten bei Standardsituationen. Wer schießt die Freistöße und Ecken? Von welcher Seite? Auf den ersten oder zweiten Pfosten? Eben die Schlüsselszenen einer Partie. „Wir wollen Armin Veh so viel wie möglich zeigen. Wenn wir etwas vergessen, das später ein Spiel entscheidet, ist das sehr ärgerlich“, sagt Weber. Dass trotz Detail-Analyse auf dem Monitor die Aktionen auf dem Rasen nur bedingt vorhersehbar sind, ist den Experten bewusst. Wenn die Mannschaft nach eigenem Eckball ein Kontertor fängt, wie in München und St. Pauli, hilft auch dasVideo-Studium wenig.

Veh verzichtet auf eine Videoanalyse in der Halbzeit

Wie viele Sequenzen den Profis vor einer Begegnung präsentiert werden, entscheidet letztlich der Trainer. Zumeist beschränkt sich das Material auf zehn, zwölf, maximal 15 Minuten. Veh kommentiert die Sequenzen selbst, weist daraufhin, auf was zu achten ist, gibt die Einteilung bei Standards für den Gegner bekannt. Seit zehn Jahren gehört die Video-Analyse für den Coach zur gewissenhaften Spielvorbereitung dazu, er hält sie für unerlässlich.

Zuviel Input sei allerdings kontraproduktiv, meint Veh. Daher verzichtet er auf eine Video-Analyse in der Halbzeitpause, wie es etwa Dortmund und Hoffenheim praktizieren. Bei der Nachbetrachtung gilt die 24-Stunden-Regel. Bedeutet: Frühestens einen Tag nach einem Spiel werden die Profis zur Analyse gebeten. „Bis dahin sind die Emotionen raus und die Spieler wieder aufnahmefähiger“, sagt Daum. Einmal pro Woche steht zusätzlich eine Individual-Analyse mit Co-Trainer Reiner Geyer an.

Die Eintracht kann sich die teure Ausstattung leisten

Gearbeitet wird mit einer technisch hochwertigen Ausstattung, die Standard bei den Bundesliga-Klubs ist. „In der zweiten Liga ist das natürlich eine Budget- und Personalfrage“, so Daum. Etwa die Hälfte der Zweitligisten, schätzt der 25-Jährige, kann sich eine solche Ausrüstung leisten. Seine „Ausbildung“ zum Video-Analysten machte Daum im Kölner Scouting-Labor SportsLab, in dem Studenten der Deutschen Sporthochschule für den heimischen Bundesligisten Spiele und Spieler auswerten. Das Interesse am Fußball wurde dem Sohn des ehemaligen Eintracht-Trainers Christoph Daum quasi in die Wiege gelegt. „Ralf und ich sind beide fußballverrückt, arbeiten daher prima zusammen“, sagt Daum junior.

Die frischen Eindrücke aus den Stadien bringt Ex-Profi Weber mit, der gemeinsam mit Chefscout Bernd Hölzenbein Spieler weltweit beobachtet. „Auf den Videos sind oft nur die Stärken der Spieler zu sehen. Deshalb muss man sich live und vor Ort ein Bild machen“, sagt Weber, der in seiner Tätigkeit „voll ausgelastet“ ist. Und wenn er mal frei hat? „Dann schaue ich mir die dritte Liga an und bewerte Spielszenen.“zin

 

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