Maulkorb des Schiri-Verbands: Über Druck wird (fast) nicht gesprochen

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Darf auch als Öffentlichkeitsbeauftragter der Kreisschiedsrichter-Vereinigung Dieburg nicht mit der Presse über das Thema Druck sprechen: Boris Reisert.

Region Rhein-Main – Ist der Druck auf Deutschlands Fußball-Schiedsrichter zu groß geworden? Mag im sportlichen und medialen Druck auch nicht der Grund für den Selbstmordversuch von Babak Rafati gelegen haben, so haben höherklassig pfeifende Schiedsrichter aus der Region einen Maulkorb bekommen. Von Jens Dörr

Zum Rafati-Fall möchte sich Florian Tesch, Schiedsrichter aus Groß-Zimmern, nicht äußern – und darf es auch gar nicht: Gerd Schugard, Schiedsrichter-Obmann des Hessischen Fußball-Verbandes und damit oberster Unparteiischer Hessens, hat allen Spielleitern ab Verbandsebene untersagt, in diesen Tagen mit der Presse über das Thema Druck zu sprechen. Da Tesch ein ambitionierter Mann ist, der trotz seiner 18 Jahre seit seinem Gruppenliga-Aufstieg bereits mit eigenem Gespann unterwegs ist, hält er sich daran.

Allerdings darf Tesch darüber sprechen, weshalb er einst Schiedsrichter wurde – die Sinn- und Motivationsfrage stellt sich in Zeiten ausufernder Beleidigungen im Amateur- und Profibereich und den ganzen scheinbaren Skandalen und Skandälchen gerade jungen Unparteiischen immer häufiger.

Wir hatten ein Spiel gegen Viktoria Klein-Zimmern, als wir einen Schiedsrichter bekamen, über den ich mich furchtbar aufregte“, erinnert sich Tesch. „Ich würde ihn auf 60 Jahre schätzen, er trug lila Turnschuhe, Ohrring und Kette, ging mit langer Jogginghose auf den Platz. Dort lief er von Mittelpunkt zu Mittelkreis.“ Viele Entscheidungen habe der Unparteiische gefällt, mit denen Tesch ganz und gar nicht einverstanden war: „Da habe ich dann lautstark protestiert.“ Als das Gemüt abgekühlt war, dachte Tesch allerdings nach über das, was geschehen war. „Später überlegte ich mir dann, warum ich eigentlich reklamiere. Es heißt ja immer, man soll es selbst erst einmal besser machen.

Beleidigungen und geringe Spesen

Seit Tesch Partien leitet, eilt der Hassia-Unparteiische von Aufstieg zu Aufstieg. Nicht jeder darf sich dieses Motivationsschubs allerdings gewiss sein.

Der 71-jährige Wilfried Wick, der bis zur B-Liga pfeift, steigt nicht mehr auf. Er lässt sich auch keinen Maulkorb verpassen und spricht Klartext: „Wir sind zurzeit in schwierigem Fahrwasser mit Steuerproblemen und Regelauslegungen – und der kleine Mann hat dann sonntags auf dem Sportplatz die Probleme.“ Er selbst sieht Druck wie Beleidigungen als Hürde, Nachwuchs zu rekrutieren. Ihm selbst mache kein Druck zu schaffen, er habe nie ernsthaft überlegt, die Pfeife an den Nagel zu hängen: „Ich kenne das nicht, kann stur abschalten.“ Der Umgang mit den wesentlich jüngeren Spielern auf dem Fußballfeld motiviere ihn nach wie vor, sagt Wick: „Im Gespräch mit älteren Leuten geht es mir dagegen zu oft um Krankheiten.“

Hessenliga-Schiedsrichter Boris Reisert aus Ober-Roden, zugleich Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit der Kreisschiedsrichter-Vereinigung Dieburg, hält sich an Schugards Vorgaben und will seine Meinung zum Druck im Schiedsrichterwesen trotz seiner Position nicht öffentlich sagen.

Immerhin gibt er preis, weshalb er trotz Beleidigungen und im Amateurbereich nur geringer Spesen mit dem Pfeifen begann und es weiterhin liebt: „Man lernt den Fußball von einer anderen Seite kenne, misst sich im sportlichen Wettkampf, hat gute Aufstiegs-Chancen und kommt in Ligen, in die man es als Spieler nicht geschafft hätte. Man braucht auch Idealismus. Es ist eine Schule fürs Leben.“

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