Umbruch im Basketball-Nationalteam

„Mit hungrigen Spielern etwas aufbauen“

+
Helmut Wolf hat die Leistung seiner jungen Mannschaft immer fest im Blick.

Bad Homburg – Koffer auspacken, Wäsche waschen, einkaufen gehen, Koffer einpacken und Abflug. So sieht derzeit der Alltag von Helmut Wolf aus. Der hauptamtliche Basketball-Trainer der HTG Bad Homburg bereitet sich mit der deutschen Nationalmannschaft auf die EM (4. bis 22. September) in Slowenien vor. Von Jörn Polzin

Im Interview mit dem EXTRA TIPP spricht der 37-Jährige über den Umbruch im Nationalteam, den Einfluss von Video-Analysen und die persönliche Dreifachbelastung.

Herr Wolf, in knapp zwei Wochen beginnt die Basketball-EM. Wie fällt Ihr Fazit der Vorbereitung aus?

Wir sind auf einem guten Weg. Im Training haben die Jungs intensiv gearbeitet und die Grundlagen geschaffen. Die Härtetests gegen die europäischen Top-Teams Frankreich, Griechenland und Kroatien haben gezeigt, wo wir uns noch verbessern können. Das war ein wichtiger Lernprozess. Phasenweise konnten wir aber ganz gut mithalten.

Kann die Mannschaft ohne die NBA-Stars wie Nowitzki und Kaman überhaupt noch mit den großen Nationen mithalten?

Wenn man sich Mannschaften wie Frankreich anschaut, die sieben NBA-Spieler in ihren Reihen haben, ist das natürlich ein anderes Kaliber. Wir sind ein blutjunges Team und für viele sicherlich ein unbeschriebenes Blatt. Aber wir haben uns entschieden, diesen Weg mit hungrigen, entwicklungsfähigen Spielern zu gehen und wollen langfristig etwas aufbauen.

Wie schwer wiegen die Absagen der NBA-Neulinge Dennis Schröder und Elias Harris?

Natürlich hätten wir beide Spieler, aber auch die anderen drei deutschen NBA-Profis, gerne im Kader gehabt. Der Fokus der Jungs liegt aber auf der NBA und das müssen wir akzeptieren. Es war eine schwierige Entscheidung, aber wir wollten keinen zusätzlichen Druck aufbauen. Schließlich bauen wir in Zukunft auf die Jungs.

Wem trauen Sie den Sprung in die NBA zu?

Das ist ein sehr schwieriger Prozess. Die Fähigkeiten haben die Spieler sicherlich, aber man muss hart für einen Platz kämpfen und erstmal das Vertrauen der Trainer gewinnen. Dennis Schröder passt von seiner Schnelligkeit und Spielweise gut in die Liga, aber auch Elias Harris bringt durch seine Athletik und Erfahrung auf dem US-College das Zeug mit.

Auch für das neue Trainer-Team ist die EM eine Premiere. Wie sieht die Ausrichtung unter Chefcoach Frank Menz aus? Welche Aufgaben fallen Ihnen zu?

Unsere Priorität liegt ganz klar auf der Defensive. Wir wollen eine der besten Verteidigungen in Europa formen. Zudem arbeiten wir an einer Struktur im Angriff mit vielen Optionen. Dazu braucht es aber auch die nötige Disziplin. Ich unterstützte den Cheftrainer in der Vorbereitung bei der Spielausrichtung und in den Trainingseinheiten in der Halle, sowie bei organisatorischen Fragen. Bei der EM liegt der Schwerpunkt dann wieder auf Video-Analyse und Scouting.

Inwiefern können Video-Analysen ein Spiel prägen und sogar entscheiden?

In engen Spielen kann das das Pendel ausschlagen lassen. Wir treffen auf viele Teams, die individuell sehr stark besetzt sind. Da muss man auf jedes Detail schauen. Wie bewegt sich ein Spieler, wohin passt er den Ball, wo und wann sucht er den Abschluss? Das ist eine vielfältige Aufgabe und erfordert genaue Abstimmung.

Wie lässt sich denn ein Superstar wie Frankreichs Tony Parker stoppen?

Gute Frage. Parker zählt zu den besten Spielmachern der Welt und ist in Eins-gegen-Eins-Situationen kaum auszuschalten. Daher muss man als Team versuchen, seine Kreise frühzeitig einzugrenzen, sich in die Lauf- und Passwege zu stellen. Aber Parker ist nicht umsonst mehrfacher NBA-Meister.

Wie sieht die Zielsetzung für die EM aus?

Eine genaue Platzierung haben wir nicht ausgegeben. Aber Mannschaften wie Frankreich, Griechenland oder Spanien sind die großen Favoriten. Wir müssen schauen, dass wir Gegner wie Belgien, Israel oder Großbritannien hinter uns lassen. Im Fokus steht die Weiterentwicklung der Mannschaft für die nächsten Jahre.

Sie arbeiten als hauptamtlicher Trainer der HTG Bad Homburg, sind im Trainerteam beim Pro B-Ligisten Hanau und der deutschen Nationalmannschaft. Bleibt da noch Freizeit?

Lesen Sie auch:

Langener Centerspieler Moritz Overdick hat große Ziele

Siegesserie der Rhein-Main-Baskets

Deutsche Spieler in der Basketball-Bundesliga immer wichtiger

Sehr, Sehr wenig. Ich bin mit der Arbeitsbelastung am Limit, möchte aber gerne alles mitnehmen. Die sportliche Leitung in Bad Homburg und Hanau kommt mir entgegen, sonst würde es nicht funktionieren. Ich bin mir sicher, dass der Nachwuchs in Bad Homburg von meinen Erfahrungen im Sommer profitieren wird.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare