Gehörlose lassen aufhorchen

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Der Frankfurter Gehörlose Edris Saighani setzt sich im Nationaltrikot im Zweikampf durch. Foto: nh

Region Rhein-Main – 2008 wurde die deutsche Gehörlosen-Fußball-Nationalmannschaft zum ersten Mal überraschend Weltmeister. Vier Jahre später geht das Team schon im Viertelfinale unter. Jetzt wollen die Spieler bei den Deaflympics an ihren großen Erfolg anknüpfen. Von Dirk Beutel

Es war die Sternstunde: Die deutsche Gehörlosen-Fußball-Nationalmannschaft erkämpft sich 2008 in Griechenland den WM-Titel. Das Finale werden die beiden Frankfurter Nationalspieler Edris Saighani und Sven Friedrich ihr ganzes Leben nicht vergessen.

Deutschland hat es bis in die Verlängerung gegen die favorisierte Türkei geschafft. Es steht kurz vor dem Abpfiff 3:2, bis Saighani völlig überraschend zum Ausgleich trifft. Dabei wurde der 34-Jährige erst in den letzten Minuten eingewechselt. Das Elfmeterschießen entscheidet Deutschland für sich. Saighani: „Es war wie ein Lebenstraum, den ich mir da erfüllt habe. Der schönste Moment in meinem Leben, den ich nie vergessen werde.“ Das gilt auch für den 35-jährigen Friedrich: „Da haben wir großes Glück gehabt, das wir im Elfmeterschießen auch gewonnen haben. Wir haben nie geglaubt, dass wir den Titel holen.“

Am 24. Juli diesen Jahres geht Deutschland im Land des Finalgegners bereits im Viertelfinale gegen Ägypten mit 2:1 unter. „Vom ersten Turniertag an konnten wir nicht an unsere beste Leistung anknüpfen. Auch die Fitness stimmte nicht. Und die wäre wichtig gewesen, zumal an dem Tag bis zu 42 Grad geherrscht haben“, sagt Saighani. Der gebürtige Afghane lebt seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland und läuft seit 2001 im Trikot der Nationalmannschaft auf: „In uns steckte auch nicht mehr der Kampfeist von 2008. Vielleicht war der Druck, den Titel zu verteidigen, zu groß.“

Möglichweise waren es auch die Rahmenbedingungen, die nicht gestimmt haben. Während sich andere Mannschaften Monate im Voraus auf das Turnier vorbereiten konnten, haben die deutschen Nationalkicker nur ein paar Tage aufzuweisen.„Wir sind alle keine Profis, haben normale Jobs. Es gibt auch kein echtes Trainingslager. Jeder trainiert in seinem Verein für sich. Es ist auch eine Frage des Geldes“, sagt Saighani. Für jedes Spiel müssen die Spieler extra Urlaub nehmen. Dafür wird niemand von seinem Arbeitgeber freigestellt. Nur die Reise und Unterkunft bezahlt die Sporthilfe, der Rest ist Privatvergnügen. Trotzdem denken die Gehörlosen-Kicker leistungsorientiert. Für sie sind es die schönsten Momente ihres Lebens.

Die Ernüchterung kommt meist, wenn es wieder in die Heimat geht.„Bei den Spielen sind pro Partie im Schnitt um die 300 Zuschauer im Stadion. Das ist okay. Aber als wir etwa 2008 mit dem Titel am Flughafen ankamen, hat uns niemand begrüßt. Es hat auch niemand über uns berichtet“, sagt Saighani.

Das nächste Ziel der Nationalmannschaft ist Edelmetall bei den Deaflympics 2013 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Ein Wettkampf, der sich parallel zu den Paralympics entwickelt hat, die inzwischen in den Köpfen der Menschen angekommen sei. „Aber es gibt wohl Gespräche mit dem Internationalen Olympischen Komitee beide Wettkämpfe zusammenzulegen“, sagt Saighari: „Bei den Deaflympics eine Medaille zu holen, bedeutet mehr, als jede Weltmeisterschaft.“

Daher sei schon jetzt die Motivation in der Mannschaft spürbar, auch wenn das mediale Interesse erwartungsgemäß bei null liegen wird. Für Friedrich wird es ein ganz besonderes Turnier: „Ich habe schon WM- und EM-Titel geholt, nur Gold bei den Deaflympics fehlt noch als Trophäe. Wenn wir das schaffen, dann habe ich international alles erreicht. Das hat bis jetzt noch keiner geschafft.“

Für Friedrich und Saighani wird es wahrscheinlich der letzte große internationale Auftritt. Zum Ende ihrer Karrieren wünschen sich beide, dass Gehörlosen-Sport mehr in die Öffentlichkeit rückt und größere Akzeptanz in der Gesellschaft findet. Saighani: „Mein Wunsch wäre es, einmal persönlich mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach über dieses Problem zu sprechen.“

Das Gespräch wurde von Claudia Beise von der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige gedolmetscht.

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