Vom lockeren Spaziergang zum gefühlten Bluthusten

Der EXTRA TIPP macht das Sportabzeichen

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So hat sich die EXTRA TIPP Redaktion beim Sportabzeichen geschlagen.

Region Rhein-Main - Das Sportbazeichen feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Grund genug für die Redaktion des EXTRA TIPPs, dieses Ehrenabzeichen  in Angriff zu nehmen. Unter Aufsicht von Leichtathletiktrainerin Marion Müller ging es auf dem Sportgelände der DJK Sparta Bürgel zur Sache.

Axel Grysczyk: Mission Gold - Vier Disziplinen und ein Ausfall

Ich will Gold! Alles andere sind Ausreden. Hitze, kein Training, das Alter – dieses Gejammer lenkt nur ab. Mir geht’s um den Kampf gegen mich selbst. Was hab’ ich noch drin? Wie viel Treibstoff kann ich noch in die morschen Muskeln jagen? Mit 43 Jahren sieht das Reglement vor, dass ich nur 50 Meter sprinten muss. Ich katapultiere mich nach vorne, durchschneide mit meinen durchgestreckten Händen den Gegenwind, reiße die Oberschenkel nach oben und ignoriere mein Hecheln. Alles reinpacken in 50 Meter – das ist auch eine Konzentrationsübung. Die Uhr stoppt nach 7,98 Sekunden. Alles unter 8,3 Sekunden bedeutet in meiner Altersklasse Gold. Ich bin im Soll. Auf 7,26 Meter feuere ich die Kugel. Doch der Wucht halte ich nicht Stand, trete über. Wahlweise können Sportabzeichen-Anwärter im Bereich „Kraft“ auch Standweitsprung belegen. Mit einem Satz auf 2,20 Meter und damit fünf Zentimeter mehr als gefordert – Gold! Ich sehe schon die Medaille, die Ehrenrunden, die den Schotter der Sparta-Kampfbahn unter meinen Hobby-Turnschuhe knirschen lassen, die anerkennenden Gesichter der Kollegen, das extra für mich gefertigte Gold-T-Shirt. Zumal 3000 Meter in 15.50 Minuten kein Problem sein dürften. 14.51 Minuten erziele ich zum Abschluss. Doch es gab ihn, den Moment der Schande. Diesen Sprung in die Weitsprunggrube, den ich immer wieder in Zeitlupe sehe. Gerade mal vier Meter schaffe ich und lass mich beruhigen, als unsere Kampfrichterin sagt: „Das reicht.“ Ja, aber eben nur zu Bronze. 30 Zentimeter haben gefehlt. Dreimal Gold und einmal Bronze bedeutet insgesamt Silber. Schade! Aber es ist noch genug Power im Körper. Beruhigend!

Dirk Beutel: Die Kugel, mein Freund

Dirk Beutel beim Kugelstoßen

Durchkommen. Das ist das Ziel. Mein Ziel. Irgendwie durchschlängeln, mit dem was nach Ewigkeiten ohne Sport und Fitness in mir steckt. Aberschon beim Aufwärmen offenbart sich gnadenlos die hässliche Fratze der Faulheit. Dann die erste Disziplin: 100-Meter-Sprint. Ich lege alles rein, was da ist. Aber nach der Hälfte der Strecke machen die Beine schon schlapp. Keine Kraft mehr. Ich merke, wie ich langsamer werde und muss mitansehen, wie die Kollegen weit vor mir ins Ziel laufen. Zeit: 17,5 Sekunden. Hätte schlimmer kommen können. Weiter mit Weitsprung. Eigentlich dachte ich, nicht ganz so viel Kraft beim Sprint gelassen zu haben. Aber mit einer Weite von nur 3,70 Meter, bekomme ich promt die Quittung serviert. Ich merke, wie meine Beine nach Erlösung kreischen. Ich ignoriere es. Noch. Beim Kugelstoßen rechne ich mir Chancen aus, schieße die Kugel auf 7,25 Meter. Aber die Wucht reißt mich mit. Übergetreten. Ich lade nach. Der nächste Versuch landet bei 6,75 Meter. Das ist Bronze. Ha! Aber ich fühle mich am Ende. Der 3.000-Meter-Lauf gibt mir den Rest. So oder so. Die erste Runde schaffe ich noch. Doch mit jedem Schritt wird die Luft knapper. Die Brust immer enger. Die Beine haben längst kapituliert. Ich steige nach anderthalb Runden aus. Das einzige, was ich außer einem höllischen Muskelkater mitnehme, ist wenigstens der Ehrgeiz, wieder Sport zu machen.

Norman Körtge: Gold für die Ausdauer

Mit seiner speziellen und einzigartigen Drehtechnik springt Norman Körtge 4,40 Meter weit.

Seit der Schulzeit (Abi 1996) bin ich weder auf der Aschenbahn gesprintet, noch in eine Sandgrube gesprungen, noch habe ich in einem Kugelstoßring gestanden. Dementsprechend bin ich gespannt. Den 100-Meter-Sprint meistere ich in 13,8 Sekunden (Silber), wobei mir die letzten 25 Meter richtig in die Beine gehen. 100 Meter können ganz schön lang sein. Dann kommt der Weitsprung. 4,10 Meter muss ich springen, um Bronze zu bekommen. Eine Weite, die ich mir überhaupt nicht vorstellen kann. Ich nehme Anlauf, versuche möglichst schnell zu werden und springe ab. Für mich sensationelle 4,40 Meter werden gemessen. Das bedeutet Silber. Ich bin happy. Doch die Ernüchterung kommt beim Kugelstoßen. Das geht gar nicht. Auf 5,70 Meter stoße ich die 7,26 Kilo schwere Kugel. Ich müsste mindestens 6,75 Meter erreichen. Zum Glück kann ich das mit dem Standweitsprung ausgleichen: Hier komme ich auf 2,20 Meter (Silber). Geschafft! Und dann abschließend meine Paradedisziplin, die Ausdauer: 3000 Meter sind zu laufen, Gold bekomme ich für eine Zeit unter 15 Minuten. Ich brauche nur 13 Minuten. In der Endabrechnung gibt’s für mich Silber.

Fabienne Seibel: Den eigenen Schweinehund besiegen

Fabienne Seibel katapultiert sich in die Weitsprunggrube.

Die Sonne brennt vom Himmel, die Luft ist stickig, ich fühle mich schon ohne Sport müde und abgeschlagen. Auf dem Sportplatz gibt es kaumSchatten. Ob ich unter solchen Bedingungen Höchstleistungen erbringen kann, daran habe ich große Zweifel. Schon nach dem Aufwärmen in der brütenden Hitze ist mein Puls ungewöhnlich hoch. Dann geht es los mit dem 100-Meter Sprint. Die Strecke kommt mir ewig lang vor. Als das Startsignal ertönt, renne ich drauf los, doch schon nach 50 Metern merke ich, dass ich das Tempo nicht halten kann. Trotzdem reicht es am Ende für Bronze. Als ich nach Luft ringe, kommt schnell der Ärger, dass ich Silber um 0,5 Sekunden verfehlt habe. Aber weiter geht‘s. Als nächstes steht der Weitsprung an. Konzentriert gehe ich den Bewegungsablauf im Kopf durch. Dann heißt es: „Fabienne, du fängst an.“ Kurz vorm Anlauf bin ich nervös, denn alle schauen auf mich. Ich renne los und am Absprungbrett katapultiere ich meinen Körper mit voller Kraft in die Sprunggrube. Das Ergebnis – überraschend weit – reicht für Gold. Motiviert gehe ich in die dritte Disziplin, den Standweitsprung. Mit voller Kraft aus Armen und Beinen reicht es hier für Silber. In Gedanken bin ich jetzt bei meiner Schreckensdisziplin, dem 3000 Meter-Lauf. Ich bin mir sicher, spätestens nach der Hälfte aufzugeben. Schließlich schleppe ich mich von Runde zu Runde. Doch schnell steht für mich fest – aufgeben kommt nicht in Frage. Die Hitze erschwert das Laufen, ich bekomme nur schlecht Luft, doch liege gut in der Zeit. Die letzten beiden Runden sind die reinste Qual, ich kann einfach nicht mehr. Trotzdem schaffe ich es mit hochrotem Kopf und nassgeschwitztem T-Shirt noch zu Silber. Einmal Bronze, zweimal Silber und einmal Gold ergeben insgesamt Silber für mich. Gar nicht schlecht, so ganz ohne Übung.

Angelika Pöppel: "Ich habe mich gnadenlos überschätzt"

Angelika Pöppel beim abschließenden 3000-Meter-Lauf.

Die Ernüchterung trat schon nach der ersten Disziplin ein: Ganze drei Sekunden zu langsam sprintete ich ins Ziel. Egal. In der nächsten Kategorie wird es besser – dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch hoffnungslos optimistisch. Doch auch beim Weitsprung landete ich zu früh im Sand – 70 Zentimeter fehlten. Auch das musste ich wegstecken – zumindest mein Kampfgeist ist sportlich. Dann endlich: Beim Standsprung schoss ich sogar übers Ziel hinaus, ganze zwei Zentimeter. Mit diesem überwältigenden Erfolg startete ich zum 3000-Meter- Lauf. Vollgepumpt mit Motivation quälte ich mich Schritt für Schritt vorwärts. In der dritten Runde klebten meine Beine förmlich am Boden, die letzten Nikotinreste wurden aus dem Körper gejagt, die Lunge pfiff. Doch dann schaltete ich alles um mich herum aus, konzentrierte mich nur darauf einen Schritt vor den anderen zu setzten. Das Kämpfen hat sich gelohnt: Knapp schlitterte ich an Gold vorbei. Ein Riesen-Erfolg für mich! Fazit: Ich habe mich gnadenlos überschätzt.

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EXTRA-TIPP-Redaktion macht das Sportabzeichnen

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