„Lilien“ schließen sensationelles Jahr in Mönchengladbach ab

SV Darmstadt 98: Liebenswert schrullig und erfolgreich

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Der etwas andere Bundesliga-Club: Marodes Stadion, niedriger Etat, aber jede Menge Wille und Kampfgeist. Damit hat sich der SV Darmstadt 98 in die Herzen vieler Fußballfans gespielt.

Darmstadt – Ganz gleich, wie die Partie gegen Borussia Mönchengladbach am Sonntag endet: Für den SV Darmstadt 98 geht ein sensationelles Jahr zu Ende. Noch nie waren die „Lilien“ erfolgreicher. Von Jens Dörr

Diesen Fall gibt es selten, im Profi-Fußball ohnehin: Selbst wenn der SV Darmstadt 98 am morgigen Sonntag (17.30 Uhr) im letzten Bundesliga-Spiel des Jahres bei Borussia Mönchengladbach eine hohe Niederlage kassieren sollte, selbst wenn die „Fohlen“ die „Lilien“ wider Erwarten auseinandernehmen sollten, dürften die Südhessen von einem sensationellen Jahr, sogar dem besten der Vereinsgeschichte sprechen. Nie war der SV 98 erfolgreicher als 2015.

Denn da gelang nicht nur der total überraschende Durchmarsch von der 3. in die 1. Liga, sondern auch noch der Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals, wo erst am Dienstag durch ein Fernschuss-Tor beim FC Bayern München Endstation war. Nie verzeichneten die Darmstädter eine höhere Nachfrage nach Tickets, nie standen sie sportlich besser da, nie in ihrer 117-jährigen Vereinsgeschichte schufen sie mehr Arbeitsplätze, zahlten mehr Steuern und bewegten größere Umsätze als in diesem Jahr.

Neue Mitarbeiter in Vollzeit eingestellt

Während Präsident Rüdiger Fritsch („Wir sind wirtschaftlich in neue Dimensionen vorgestoßen“) und seine Vorstandskollegen erstmals in der „Lilien“-Geschichte nicht mehr rein ehrenamtlich tätig sein müssen und qua Mitgliederbeschluss seit dem Herbst monatlich bis zu 4000 Euro Aufwandsentschädigung erhalten können, sind die Mitarbeiter der Geschäftsstelle durch Neueinstellungen entlastet worden. Mancher witzelt, sie machten nun „nur“ noch drei statt fünf Jobs in Personalunion. 18 Vollzeit-Stellen gibt es neben jenen in Mannschaft und Betreuer-/Trainerstab; andernorts ist allein die hauptamtliche Medienabteilung größer.

Auch, wenn die Darmstädter am Montagabend mit Mitgliedern und Fans darüber berieten, wie man den Profi-Fußball in ein Unternehmen auslagern könnte, sind die 98er doch auch im Jahr ihres größten Erfolgs – nach den anderen Erstliga-Aufstiegen 1978 und 1981 folgte direkt wieder der Abstieg, diesmal sind die Aussichten besser – dem weitgehend treu geblieben, was sie zuvor auszeichnete. Mannschaft, Trainer, Präsident und Mitarbeiter blieben größtenteils bodenständig und fannah, die Gehälter blieben auf höherem Zweitliga-Niveau und den Leistungen der Spieler gegenüber weitgehend angemessen – zumindest in Relation zur fast durchweg Millionen zahlenden Konkurrenz. Die Spieler sind nach jedem Training für Medien und Fans da, geübt wird weiter fast immer öffentlich, Coach Schuster ruft Pressevertreter auch mal zurück, wenn er einen Anruf verpasst hat. Fritsch steht Tag und Nacht selbst zu absurden Fragen geduldig Rede und Antwort.

Ein Sieg wäre das I-Tüpfelchen aufs Wahnsinnsjahr

Die Nähe zur Basis ist also geblieben. Kommt das in manchen Punkten, etwa der Stadiontechnik oder den Ticketvorverkäufen, ab und an noch etwas amateurhaft rüber – man könnte auch sagen: Liebenswert schrullig oder gemäß dem Slogan „aus Tradition anders“ –, so arbeiten Trainer-Team und Mannschaft äußerst professionell. 18 Punkte sind dafür bislang der Lohn, die „Lilien“ werden auf einem Nichtabstiegsplatz und vor der Frankfurter Eintracht (die im laufenden Geschäftsjahr mit 100 Millionen Euro rund das Dreifache des SV 98 umsetzen will) überwintern.

Am Sonntag in Gladbach könnten die Darmstädter mit einem weiteren Punktgewinn das I-Tüpfelchen aufs Wahnsinnsjahr setzen. Die Borussia erlebt unter Schubert gerade ihre erste Schwächephase. Mit dem 2:4 bei Manchester City verpassten die Gladbacher die noch mögliche Qualifikation für die Europa League. Böse mochte bei den Grün-Schwarzen deshalb kaum wer sein. Bis in die Schlussphase führte man bei einem Spitzenteam mit 2:1, legte einen ordentlichen Auftritt hin. Davon konnte vergangenen Samstag beim 0:5 im Derby bei Bayer Leverkusen keine Rede mehr sein. Die Werkself nahm die „Fohlen“ dabei regelrecht auseinander. Am Dienstagabend schied die Borussia gegen Werder Bremen auch aus dem DFB-Pokal aus. Entgegen den Darmstädtern war man dabei als Favorit ins Spiel gegangen. Das 3:4 legte aber erneut die Abwehr als wunde Stelle offen.

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