„Bevor ich Angst bekomme, drehe ich um“

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Bergsteiger-Legende Hans Kammerlander ist zu Gast in Oberursel.

Oberursel – Extrembergsteiger Hans Kammerlander gelang mit Reinhold Messner die erste Doppelüberschreitung zweier Achttausender und er fuhr den Mount Everest mit Skiern ab. Am Mittwoch, 30. November, spricht er in der Stadthalle Oberursel. Dem EXTRA TIPP gab er schon vorab Einblicke in sein Leben.

Bei den Second-Seven-Summits geht‘s um neue Wege am Berg. Welche alpinistischen Reize bieten die zweithöchsten Berge?

Der K2 in Pakistan ist natürlich eine unglaubliche Herausforderung und der Berg der Berge. Aber auch der Mount Logan in Kanada ist ein unwirklicher, einsamer Klotz. Der Gora Dychtau in Russland ist ebenfalls eine alpinistische Herausforderung in jeglicher Hinsicht.

Die Second-Seven-Summits-Tour ist fast beendet. In ihren Büchern haben Sie stets propagiert, dass Ziele wichtiger sind als Erinnerungen. Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Das kann ich definitiv noch nicht sagen. Ich will immer erstmal eine Sache abschließen. Bei der Second Seven Summits Tour fehlt noch der Mount Tyree in der Antarktis, zu dem ich am 25. Dezember aufbreche. Der ist eine große Herausforderung, die letzten Expeditionen sind dort alle gescheitert. Einen Monat habe ich mir vorgenommen, das heißt aber auch: Keine Kultur, nur Eiswüste. Ansonsten würden mich die Matterhörner dieser Welt reizen. Es gibt viele Berge, die wie das Matterhorn aussehen – zum Beispiel der Ama Dablem in Nepal.

Welche Rolle spielt bei der Auswahl Ihrer Ziele das Alter und die Befürchtung, am Berg nicht mehr so schnell sein zu können?

Die Zeit der überhängenden Wände ist vorbei. Die Schnellkraft ist nicht mehr in dem Maße da. Dafür habe ich heute die Erfahrung. Ich weiß, was in den Rucksack gehört, wie man ein Biwak macht, wie ich mich am besten ernähre, wo am wenigsten Pulverschnee ist. Das Alter ist nicht immer entscheidend. Als ich auf meinem ersten 8000er stand war ich 26 Jahre alt und in der Form meines Lebens. In der Gipfelregion hat mir mein Partner Michl Dacher die Grenzen aufgezeigt. Zwei Wochen später haben wir seinen 50. Geburtstag gefeiert.

Sie haben Bergfreunde bei Expeditionen im Himalaya verloren, sind selbst in unzähligen brenzligen Situationen gewesen. Bei welcher Tour hatten Sie Angst?

Richtig Angst hatte ich nie. Das würde blockieren, da fühlt man sich nicht wohl. Bevor ich Angst bekomme, drehe ich um. Die brenzligen Situationen sind durch bestimmte Umstände entstanden, die plant man nicht.

Was würden Sie Menschen ganz allgemein raten, wenn sie ziellos und ängstlich sind?

Vorwärts kommt man, wenn man Stufe für Stufe nimmt. Der langsame Aufbau hilft, sich zu verbessern und auch am Berg höher zu kommen. Oft nehmen Bessere Schwächere mit. Für die entstehen dann ganz blöde Situationen.

Zu den höchsten Bergen der Welt: Wenn Sie sich heute am Fuß eines 8000ers stellen, was schießt ihnen durch den Kopf?

Da kommen zig Erinnerungen hoch: Positive, aber auch negative. Denn ein paar Freunde haben dort ihr Leben verloren. Ich habe an diesen Bergen alles erreicht. Vielleicht würde ich über ein paar neue Linien nachdenken. Aber bis auf die Skiabfahrt vom K2, die ich mir vorgenommen hatte, habe ich da alles gemacht, was ich wollte.

Vielleicht noch mal ein 8000er im Winter? In jüngster Zeit hat es im Karakorum ja einige spektakuläre Winter-begehungen gegeben.

Ja, das wäre schon reizvoll. Aber ich war 25 Jahre an den 8000ern unterwegs. Ich brauche das nicht mehr. Ich mache mir andere Gedanken, zum Beispiel über die Matterhörner der Welt.

Sie bieten 24-Stunden-Wanderungen für Touristen an. Was tun sie selbst regelmäßig für ihre Kondition?

Wenn ich keine Verpflichtungen habe oder Vorträge halte, bin ich das ganze Jahr draußen. Da gibt es genug Möglichkeiten auf den Berg und ans Limit zu gehen. Das mache ich schon mein ganzes Leben. Mein Glück ist es, dass ich mich nie verletzt habe. Mir tut das Knie nicht weh, mir schmerzt nicht die Wirbelsäule – ich habe da einfach riesiges Glück gehabt. Da hat‘s einige meiner sportlichen Konkurrenten viel härter getroffen – einige haben ihren Sport mit dem Leben bezahlt.

Mit acht Jahren standen sie zum ersten Mal auf einen 3000er. Sie haben oft gesagt, dass es ihr Traum wäre, mit 80 Jahren nochmal auf den gleichen Berg zu gehen. Wie wäre ein Leben ohne Berge?

Das wäre nicht vorstellbar. Meine Familie mit meiner kleinen dreijährigen Tochter lebt in Hamburg. Eine schöne Stadt, aber ich könnte dort nicht die ganze Zeit sein.

Über Hans Kammerlander

Geboren am 6. Dezember 1956 in Ahornach, Südtirol, lebt er bis heute dort. Mit Reinhold Messner war er an den 8000ern erfolgreich. Eine weitere Leidenschaft sind die Ski: Ihm gelang am Nanga Parbat die erste komplette Skiabfahrt eines 8000ers. Mit Messner schrieb er in seiner Heimat Geschichte: In 40 Tagen legten sie in Südtirol im Auf- und Abstieg 100.000 Höhenmeter zurück und erklommen 300 Gipfel. Er setzt sich für Fairness am Berg ein, künstlichen Sauerstoff und Kommerzialisierung lehnt er ab.

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