Keine Konkurrenz oder Wettbewerb

Behindertenkegler: Mit Handicap in die Vollen

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Die Behindertenkegler der VSG Bad Homburg räumen gerne ab.

Bad Homburg – Statt Konkurrenz und Wettbewerb zählt bei den Behindertenkeglern des VSG Bad Homburg Koordination, Technik und Sinnesschärfe. Um aber richtig abzuräumen heißt es auch hier üben, üben, üben.

Manfred Dunkel nimmt Maß und lässt die Kugel über die Handfläche auf die Bahn gleiten. Alle Kegel fallen. Volltreffer. Mal wieder. In drei Durchgängen lässt der Bad Homburger nur einen Kegel stehen. Dunkel grinst. Viele Worte will er über das Ergebnis nicht verlieren. Das übernimmt Gerhard Beckmann, der Mann für alle Fälle bei den Keglern.

102 Mitglieder hat der Verein für Sport und Gesundheit (VSG) Bad Homburg, der früher noch Versehrtensportgemeinschaft hieß. Etwa ein Dutzend davon geht dem Kegelsport nach, die meisten befinden sich im Seniorenalter. „70 bis 80 Prozent bleiben dabei“, schätzt Beckmann. Seit mehreren Jahrzehnten ist er im Einsatz, plant, organisiert und koordiniert als Landesfachwart Kegeln-Classic die Termine der Sportler. Keine leichte Aufgabe bei der Vielzahl unterschiedlicher Leistungsgruppen, die sich nach Art und Grad der Behinderung richten. Von den Beingeschädigten in Gruppe eins, über die sehbehinderten Sportler in den Gruppen fünf und sechs bis hin zu den „mentalbehinderten“ in Gruppe acht.

Voller Einsatz für den Sport

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„Das ist mehr als nur ein Hobby“, sagt Beckmann. Mit seinen 78 Jahren hat er so einiges auf den Bahnen erlebt, unzählige Pokale, Urkunden und Trophäen gesammelt. „Seit 50 Jahren kegele ich vorneweg“, sagt der Routinier schmunzelnd. Sein Erfolgsrezept: „Übung, Übung, Übung.“ Dazu kommen Ausdauer und Kondition. 100 Würfe müssen die Sportler innerhalb von 40 Minuten abgeben. 50 davon im Modus „Abräumen“. Bedeutet: Nach dem ersten Wurf werden nur noch die Kegel aufgestellt, die nicht gefallen sind. Es gilt alle Kegel abzuräumen, bevor wieder das volle Bild aufgestellt wird. Nach den ersten 50 Würfen wird die Bahn gewechselt und es geht in die „Vollen“. Heißt: Nach jedem Wurf wird wieder das komplette Bild mit allen neun Kegeln aufgestellt. Wer Kegeln also mit Kneipensport gleichsetzt, irrt gewaltig. „Ab Wurf 75 entscheidet sich vieles, da können die Arme ganz schwer werden und man kommt ordentlich ins Schwitzen“, erklärt Beckmann. Das Kegler-Gen vom Vater hat er an seinen Sohn weitergegeben. Mit Erfolg. Harald Beckmann zählt zu den Aushängeschildern des VSG, belegte bei seiner ersten DM-Teilnahme den vierten Platz. Er gehört der Wettkampfklasse acht (mental behindert) an, die derzeit vom Verband aufgebaut wird. „Die Spieler benötigen eine besonders hohe Konzentration und sind daher durch eine Glaswand von den Zuschauern getrennt“, erzählt Beckmann senior.

Trotz der Erfolge des Sohnes sieht er sich im Familienvergleich noch vorne. „Harald ist gut, hat mich aber noch nicht eingeholt“, sagt er. Der Konkurrenzgedanke ist bei den Keglern mit Handicap ohnehin kaum ausgeprägt. Spaß, Kameradschaft und der Fairplay-Gedanke zählen. Um etwa bei den Sehbehinderten gleiche Voraussetzungen zu schaffen, ist eine Augenbinde Pflicht. Ein Betreuer führt die Kegler auf die Bahn, die fortan auf sich alleine gestellt sind. Durch das Abtasten der Ablagefläche bestimmen sie die richtige Abwurfposition. „Koordination, Technik, Sinnesschärfe und ein gleichmäßiger Armeinsatz sind entscheidend“, erklärt Anton Fröhlich aus Offenbach, der die sehbehinderten Kegler betreut.

Diese sucht man beim VSG Bad Homburg vergeblich. „Auch im Hochtaunuskreis gibt es sicher noch allgemeinbehinderte und sehbehinderte Kegler, die bei uns jederzeit willkommen sind“, sagt Beckmann, der auch künftig alle Hände voll zu tun hat. Demnächst beginnt die Vorbereitung auf die neue Wettkampfsaison mit Bezirks- und Hessenmeisterschaft sowie der DM im Juni in Ludwigsburg als Höhepunkt. Mit den Hessenmeisterschaften 2017 soll dann für Beckmann Schluss sein. „Dann bin ich 81 und kann mich in Ruhe zurückziehen.“

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