Unparteiische sind oft Opfer von Aggressionen

Wissenschaftlich bestätigt: Schiedsrichter ist Alptraum-Hobby

Region Rhein-Main – Hassobjekt Schiedsrichter: Vor allem in den Amateurklassen müssen sich die Unparteiischen mit Drohungen und Anfeindungen auseinandersetzen. Eine neue Studie erhärtet das Aggressions-Problem. Von Dirk Beutel

Gewalt gegen Schiedsrichter nimmt zu, vor allem im Amateurbereich: Aber auch die Profis in der Bundesliga müssen sich viel gefallen lassen. So wie Schiedsrichter Martin Petersen (rechts). Er wurde im Pokalspiel Osnabrück gegen Leipzig von einem Feuerzeug am Kopf getroffen.

Es gehört zur Arbeit des Fußball-Schiedsrichters auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen und sie auszuhalten. Das gilt vor allem in den unteren Klassen, im Amateurbereich. Gerade dort, an der Basis des Sports, müssen die Unparteiischen allerdings eine Menge aushalten. Sie entscheiden alleine auf dem Platz und müssen ohne technische Hilfsmittel auskommen. Dafür gehören Gewalt und Aggressionen für viele Schiedsrichter stattdessen immer öfter zum Spiel dazu.

900 Schiedsrichter wurden für Masterarbeit befragt

Das hatte auch Adrian Sigel, selbst großer Fußballfan, mitbekommen. Er wollte für seine Masterarbeit an der Frankfurter Goethe-Universität herausfinden, ob es sich dabei nur um Einzelfälle handelte, oder ob sich dahinter eine gefährliche und ernstzunehmende Entwicklung verbirgt. Insgesamt hat der 28-Jährige über 900 Schiedsrichter befragt. Das Ergebnis: Schiedsrichter im Amateurfußball sind regelmäßig Opfer von Aggressionen. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten gaben an, bereits tätlich angegriffen worden zu sein. „Erschreckend, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Hobby, ein Ehrenamt handelt, das Spaß machen soll“, sagt Sigel. Dabei unterscheidet der Psychologe zwischen Beleidigungen, Gewaltdrohungen und tätlichen Angriffen, die jedoch überall vorkommen. „Das ist unabhängig von der Spiel- und Altersklasse. Das betrifft sogar Spiele von Kindern und Jugendlichen. Dort sind es oft die Eltern, die durch aggressives Verhalten auffallen“, sagt Sigel: „Fußball bietet bei Entscheidungen einen Ermessensspielraum. Daran entzünden sich Meinungsverschiedenheiten, die schnell in Gewalt umschwenken können. Das kommt selten vor, aber jeder Fall ist einer zuviel.“

Vor allem die Eltern pöbeln und beleidigen

Das bestätigt Frankfurts Kreisschiedsrichterobmann Mathias Lippert: „Kein Spiel verläuft reibungslos. Vor allem sind es aber die Eltern, die vom Spielfeldrand aus beleidigen, aufs Spielfeld rennen und herumpöbeln.“ Seit etwa sechs Jahren gibt es bereits ein Mentorenprogramm, das noch unerfahrene Schiedsrichter einen Ansprechpartner an die Seite stellt. Und das scheint nötig. Denn nahezu jeder zweite Neuling hört wieder auf. „Nicht jeder hat von Anfang die Reife, solche Anfeindungen auszuhalten“, sagt Lippert.

Zwar handele es sich laut Sigel nicht um extreme Gewaltausschreitungen, dennoch seien diese Erfahrungen ein Hauptgrund dafür, dass Schiedsrichter-Neulinge schon nach einem Jahr die Pfeife an die Wand hängen. Jeder gehe anders mit dem Druck um, interessant sei allerdings, dass man sich wohl an den rauen Ton, die Drohungen und Aggression gewöhnen kann.

Mehr noch: 87 Prozent der Befragten gaben an, als Mensch daran gewachsen zu sein. Sigel: „Man kann von einem Reifeprozess sprechen, vor allem durch die negativen Erfahrungen, die die Schiedsrichter durchgemacht haben. Persönlichkeiten, die das durchstehen, empfinden meist eine hohe Verpflichtung und Liebe gegenüber dem Sport. Es sind Menschen, die sich gerne einer Herausforderung stellen, kommunikativ sind und auf dem Platz auch lernen, sich durchzusetzen“, sagt Sigel.

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