Verbruggen streitet alles ab

Armstrongs Schlammschlacht mit Ex-UCI-Boss

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Lance Armstrong (r.) und Hein Vergruggen führen über die Medien einen Kleinkrieg

München - Lance Armstrong und Hein Verbruggen waren einst Duz-Freunde. Doch seit der einstige Superstar als Betrüger entlarvt worden ist, entwickelt sich eine innige Feindschaft.

Der Selbstreinigungsprozess im Radsport nimmt Fahrt auf, und ausgerechnet Lance Armstrong hat erneut den Stein angestoßen. Nach den schweren Vorwürfen des tief gefallenen Idols gegen den ehemaligen Weltverbandspräsidenten Hein Verbruggen zeigt sich die UCI unter ihrem neuen Chef Brian Cooksen zunehmend gewillt, einen Blick in die dunkle Vergangenheit zu wagen - bis hin zu den fragwürdigen Machenschaften seiner früheren Führung. Verbruggens Attacke auf die Glaubwürdigkeit Armstrongs dürfte das nicht mehr verhindern.

Cookson kündigte im Zuge der Auseinandersetzung der einstigen Verbündeten an, Verbruggen vor die Kommission zu laden, die in Zusammenarbeit mit der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA die Radsport-Historie unter die Lupe nehmen will. Man ermuntere alle, die involviert gewesen seien, hervorzutreten und Nachweise zu liefern, ließ der Brite in einem Statement übermitteln.

Sollten sich Armstrongs Vorwürfe bewahrheiten, droht Verbruggen anscheinend sogar der Verlust seiner IOC-Ehrenmitgliedschaft. „Er muss dann seine Mitgliedschaft niederlegen, und wir müssten unsere Beziehung zu Hein Verbruggen überdenken“, sagte das norwegische IOC-Mitglied Gerhard Heiberg (74), der lange der Exekutive des Ringeordens angehörte, dem Fernsehsender TV2.

Verbruggen hatte Armstrongs Attacken per SMS an den niederländischen TV-Sportsender NOS gekontert. „Seit wann glaubt man Lance Armstrong? Seit er bei Oprah Winfrey sagte, dass er mit der UCI niemals etwas “geregelt' habe? Oder seitdem er (gegen Bezahlung) Filme macht und Interviews gibt und dann mit saftigen Geschichten kommen muss?„, schrieb Verbruggen. Der Gegenangriff des Spitzenfunktionäres, der noch heute im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und anderen Institutionen erheblichen Einfluss ausübt, verdeutlicht, dass die Bande zum früheren Duz-Freund Armstrong längst zerstört sind.

Der gefallene Held nimmt jetzt die ins Visier, die ihn einst auf den Thron hievten, dann im Lichte der Überführung als Doper aber wie einen faulen Apfel fallen ließen. Dazu zählt Verbruggen ebenso wie dessen im September abgewählter Nachfolger Pat McQuaid, der damals riet, den Texaner für immer zu vergessen. "Ich werde nicht lügen, um sie zu schützen. Ich hasse sie, ich bin fertig mit ihnen“, kündigte Armstrong in der Daily Mail unheilvoll an.

Und er beginnt auszupacken. Armstrong sagte dem englischen Blatt, er habe auf Anraten Verbruggens bei der Tour de France 1999 ein Rezept rückdatieren lassen, um einen zu hohen Kortisonwert zu begründen. 1999 hatte er den ersten seiner sieben Tour-Siege errungen, die ihm allesamt nach seiner Überführung als Doper aberkannt worden waren. „Hein sagte, “das ist ein echtes Problem für mich, das ist der K.o.-Schlag für unseren Sport.'„ Also müsse man sich etwas einfallen lassen, berichtete er.

Armstrongs Geschichte sei "unlogisch“, es habe sich nach Angaben der zuständigen Anti-Doping-Instanz damals nicht um eine positive strafbare Handlung gehandelt, merkte Verbruggen an. „Von den Beschuldigungen vor einem Jahr über die großzügige Beihilfe der UCI am Doping von Lance Armstrong und seinem Team sind wir jetzt zurück bei einem Kortison-Fällchen aus dem Jahre 1999, das noch nicht einmal von der UCI verhandelt worden ist“, führte der Niederländer weiter aus und setzte damit seinen jahrelangen Kurs des Abstreitens fort.

Armstrong spielt die Karte, dass er nach der Entblößung seines Dopingsystems ohnehin nichts mehr zu verlieren habe. Dem 42-Jährige stehen in seinen millionenschweren Rechtsstreitigkeiten Anhörungen unter Eid bevor, seit er im Januar erstmals die Einnahme von Dopingmitteln während seiner aktiven Karriere eingeräumt hatte. Er dürfte sich hüten, dort den Lügenbaron zu geben, denn dann droht ihm Freiheitsentzug.

Verbruggen, der von 1991 bis 2005 der UCI vorstand, hatte vor einer Weile zumindest eingestanden, dass Lance Armstrong und andere Radprofis über abweichende Werte bei Bluttests informiert worden waren, aber eine eigenwillige Erklärung dafür parat. Das sei präventiv geschehen und Teil einer „Zwei-Säulen-Strategie“ gewesen, die Betrüger zu finden, aber auch, Fahrer vom Doping abzubringen. Dass nun gerade er mit der fehlenden Glaubwürdigkeit anderer spielt, ist nicht frei von einer gewissen Ironie.

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SID

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