Prozess: Schumacher belastet Holczer schwer

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Stefan Schumacher.

Stuttgart - In Stuttgart begann am Mittwoch der Betrugsprozess um den geständigen Dopingsünder Stefan Schumacher. Es geht um 150.000 Euro, vor allem aber um die Frage, wer hat wann was und wieviel gewusst.

Massive Vorwürfe gegen den einstigen Boss, doch gleichermaßen überzeugtes Schweigen bei der Frage nach einem äußerst wichtigen Namen: Mit umfangreichen Äußerungen über das Innenleben des damaligen Gerolsteiner-Teams hat Radprofi Stefan Schumacher seinen einstigen Manager Hans-Michael Holczer zum Auftakt des Betrugsprozesses in Stuttgart erneut schwer belastet. Die Omerta, den berüchtigten Kodex des Schweigens, wollte der einstige Held der Straße jedoch nicht gänzlich durchbrechen - die Frage, welcher Teamarzt ihn bei Dopingfragen beriet, ließ Schumacher unbeantwortet.

„Es hat eine Form der Kommunikation gegeben, wo man wusste, was da gespielt wird“, sagte Schumacher über die jahrelange Zusammenarbeit mit Holczer. Von diesem soll sich Schumacher laut Anklageschrift einen „rechtswidrigen Vermögensvorteil“ erschlichen haben, es geht um eine Summe von rund 150.000 Euro. Ein Vorwurf, den Schumachers Anwälte in insgesamt acht Verhandlungstagen entkräften wollen. Als vermeintlicher Mitwisser könne Holczer nicht betrogen worden sein.

Schumacher, der die Anklageverlesung in Saal 18 des Landgerichtes Stuttgart zu Beginn nägelkauend verfolgte, taute im Verlauf der Anhörung auf und brachte mehrere Beispiele, die die vermeintliche Mitwisserschaft Holczers belegen sollten. Dabei schaffte es Schumacher mit detaillierten, wenn auch kaum belegbaren Aussagen, seinen frühren Teamchef in Erklärungsnot zu bringen.

„Ey Schumi, hast du zu viel Synacthen (Dopingpräparat, d. Red.) geblasen? Bei der Hitze, das ist doch eindeutig“, schilderte Schumacher einen angeblichen Dialog mit Holczer bei den deutschen Meisterschaften 2006. Auch nach Schumachers Sieg beim Klassiker Amstel Gold Race 2007 soll Holczer betont locker reagiert haben: „Ey Schumi, ich bin nicht blöd. Amstel gewinnt man nicht einfach so. Aber ich glaube, dass du für einen Weltklassefahrer relativ sauber bist.“

Pikant sind auch Angaben zu einem Gespräch während der Tour de France 2008. Nach einem postiven Befund des Italieners Riccardo Ricco auf das verbotene Mittel Cera, mit dem auch Schumacher längst unterwegs war, hatte Holczer in einer Gesprächsrunde seinem Spitzenfahrer die Dopingfrage gestellt. Schumacher verneinte und muss sich deshalb nun vor dem Landgericht verantworten. „Ich wusste, dass ich überhaupt nicht glaubwürdig war“, sagte Schumacher. In einem Nachgespräch unter vier Augen habe er sich Holczer damals erklären wollen. Dessen Reaktion sei angeblich pragmatisch ausgefallen: „Ich will das alles nicht wissen. Schumi, sag mir nur, platzt hier noch die große Bombe?“

Holczer hat die Vorwürfe immer bestritten. „Das ist vollkommen aus der Luft gegriffen“, hatte er vor Prozessbeginn gesagt. Es werde Aufgabe des Landgerichts sein, „diesen Sachverhalt zu klären“. Holczer soll am 18. April aussagen.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

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Schumacher gab am Mittwoch nicht nur Einblicke in die Schattenseiten seiner Karriere („Wachstumshormone, Epo und Kortison waren meine Mittel“), auch wie Doping bei Gerolsteiner organisiert gewesen sein soll, erklärte er bereitwillig. „Es gab Anlaufstellen im Team. Ich wusste, mit wem ich reden kann“, sagte Schumacher. So sei ihm Anfang 2008 von einem Teamarzt Cera empfohlen worden. Dies habe er im „April oder Mai“ des gleichen Jahres erstmals eingenommen.

„Ich habe aktiv danach gefragt, der Mann wollte mir helfen, weil er es auch nicht besser wusste“, sagte Schumacher, der den Namen des Mediziners auch nach mehrfacher Nachfrage des Richters nicht nennen wollte. Er kündigte allerdings an, sich in Gesprächen mit der Nationalen Anti Doping Agentur NADA auskunftsfreudiger zeigen zu wollen.

„Ich will Leute, die vor sechs oder sieben Jahren Fehler gemacht haben, nicht vor 20 Journalisten denunzieren. Ich trage ja selber die Verantwortung“, sagte Schumacher. Der umstrittene Teamarzt Mark Schmidt sei aber nicht gemeint. Laut Schumachers Anwalt Michael Lehner werde der Name des Arztes in jedem Fall im Laufe des Verfahrens genannt werden.

Schumacher sagte, er habe Doping irgendwann als Notwendigkeit und Teil seines Jobs angesehen: „Die Regel war einfach, sich nicht erwischen zu lassen.“ Dies gelang ihm nicht. In nachträglichen Analysen von Proben der Tour und der Olympischen Spiele 2008 war Schumacher positiv auf Cera getestet worden. Gerolsteiner kündigte ihm daraufhin im Oktober 2008.

sid

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