Pechstein wird 40: Kein bisschen leise

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Claudia Pechstein

Moskau - Diesen Mittwoch wird Claudia Pechstein 40 Jahre alt. Wirklich genießen kann die streitbare Berlinerin den Geburtstag nicht. Die Erfurter Doping-Affäre macht ihr zu schaffen.

Selbst im fernen Moskau holte Claudia Pechstein die Erfurter Doping-Affäre ein. Nachdem sie bei der Mehrkampf-WM in der russischen Hauptstadt am Sonntag einen mäßigen sechsten Platz erreicht hatte, wurden ihr wieder diese Fragen gestellt. Die Berlinerin schaltete direkt in den Angriffsmodus, wie sie es in letzter Zeit immer häufiger tut.

Sie beschwerte sich bitter und ausschweifend über ihre Kritiker und brandmarkte die „Beschmutzung“ ihres Namens als „absolute Frechheit“. Doch bei der entscheidenden Frage wurde sie wortkarg. Ob sie ihr Blut denn vom umstrittenen Arzt Andreas Franke bestrahlen ließ? „Das spielt überhaupt keine Rolle! Ich sage dazu gar nichts!“

Keine Frage: Wirklich genießen kann sie ihren 40. Geburtstag am Mittwoch nicht. Durch die mögliche Verstrickung in die Erfurter Affäre droht Pechstein im verbissenen Kampf um ihren Ruf ein empfindlicher Rückschlag.

Eine begnadete Eisschnellläuferin, Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin, seit mehr als der Hälfte ihres Lebens in der Weltklasse vertreten, steckt in der Klemme. Sie wehrt sich zunehmend selbstgerecht und verbittert. Die Frage, wie viel Mitleid man mit ihr haben soll, ist eng an eine weitere geknüpft, die zumindest in der Causa Erfurt bald klar beantwortet werden könnte: Ist Claudia Pechstein eine Dopingsünderin? Verfahren gegen zwei andere Sportler laufen bereits. Werden diese schuldig gesprochen, könnte Pechstein zum zweiten Mal wegen eines Doping-Vergehens angeklagt werden.

Das erste Mal erwischte es sie 2009. Am 3. Juli informierte der Eislauf-Weltverband ISU die Öffentlichkeit über eine Zweijahressperre gegen die fünfmalige Olympiasiegerin und begründete diese, ohne eine positive Probe vorliegen zu haben, mit EPO-Doping. Der Verteidigungskampf, den Pechstein seitdem führt, sucht in der Sportgeschichte seinesgleichen.

Sie, ihre Anwälte und ihr Manager Ralf Grengel, der im Hintergrund die Fäden zieht, haben dabei Bemerkenswertes erreicht. Selbst viele ihrer Kritiker sind mittlerweile überzeugt, dass Pechstein unabhängig von der Schuldfrage niemals hätte verurteilt werden dürfen.

Die Bosse in der ISU werden schon mehrfach die Stunde verflucht haben, in der sie sich mit Pechstein angelegt haben. Zumindest aus Sicht ihrer Fans, nach deren Meinung sie einen gerechten Kampf gegen ein falsches System führt, hat sie ihre Unschuld längst bewiesen. Eigentlich will Pechstein die ISU deshalb auch „auf eine astronomische Summe“ verklagen. Da kommt die Sache mit Erfurt natürlich extrem ungelegen.

Pechsteins Verteidigungsstrategie ist wieder dieselbe: sie schimpft, sie poltert, sie teilt aus. „Das ist ihr größter Fehler, seit sie gesperrt wurde. Mit ein wenig mehr Diplomatie wäre sie heute viel weiter. Sie hat viel kaputt gemacht“, sagte ein hochrangiger Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) dem SID. Seinen Namen will er lieber aus dem Spiel lassen.

Die Sportpolitik fasst den Fall Pechstein - sei es den alten oder den neuen - nur mit der Kneifzange an. Das Risiko ist einfach zu groß, sich die Finger zu verbrennen. Oder auch nur Anrufe von Matthias Große zu bekommen. Der neue Mann an Pechsteins Seite ging 2010 bei Anrufen in den Büros von kritischen Politikern derart aggressiv zu Werke, dass der damalige Innenminister Thomas de Maiziere sich schriftliche Stellungnahmen von den Bundestagsabgeordneten geben ließ.

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Seitdem haben sich die Umgangsformen des Immobilienmaklers Große, der einst an der Militärpolitischen Hochschule in Minsk studierte und nach der Wende zunächst putzen gehen musste, nicht wirklich verbessert. Vor allem Journalisten mussten dies zuletzt immer wieder erfahren.

Auch Pechstein schießt immer schärfer und nach Meinung vieler über das Ziel hinaus. Ob aus Wut oder wachsender Verzweiflung, ist unklar. Sie verunglimpfte die Nationale Anti Doping Agentur und forderte deren Vorstand Lars Mortsiefer indirekt zum Rücktritt auf. Die Forderung nach einem Berufsverbot gegen den kritischen ARD-Journalisten Hajo Seppelt brachte ihr einen Eintrag auf Seite eins der Bild-Zeitung in die „Verlierer“-Rubrik, die weitaus mehr Leute gelesen haben dürften als Pechsteins Autobiografie „Von Gold und Blut“.

In ihrem großen Verteidigungswerk gibt sie auf Seite 34 zu, dass sie einst in der Schule nur deshalb immer eine Eins in Russisch hatte, weil ihre Mutter für sie die Hausaufgaben erledigte. Zwei Seiten weiter steht der Satz: „Es gab nur eines, was (für mich) schlimmer war, als zu verlieren: Mogeln.“ Auf die Frage, wie das zusammenpasse, gab Pechstein damals im Rahmen der Buchveröffentlichung folgende Antwort: „Das war aus meiner Sicht kein Mogeln bei den Russisch-Hausaufgaben. Ich habe nur die Lehrer in meiner Familie clever genutzt. Das ist kein Mogeln.“

sid

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