Paralympics: Triple-Triumph auf der Rennstrecke

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Kirsten Bruhn bei ihrem Rennen zur Goldmedaille.

London - Triple-Triumph in Brands Hatch, Kirsten Bruhn als Goldfisch und eine schwarz-rot-goldene Medaillenflut:

Erst sorgte das Radsporttrio Tobias Graf, Michael Teuber und Andrea Eskau im Straßenzeitfahren für Jubelstürme auf der traditionsreichen Rennstrecke, dann schwamm Bruhn in ihrem letzten paralympischen Rennen zu Deutschlands 13. Goldmedaille bei den Sommerspielen für Behindertensportler in London - insgesamt hamsterte der Deutsche Behindertensportverband (DBS) am siebten Wettkampftag 14-mal Edelmetall.

Teuber, der am Dienstag aus Frustration über die Klassifizierungen seinen Rücktritt von der Bahn verkündete hatte, raste südlich der britischen Hauptstadt mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch zu seinem insgesamt vierten paralympischen Gold. „Dass ich es diesen muskelbepackten Kerlen, die neu in meiner Klasse sind, mit meinen dünnen Beinchen gezeigt habe, allein durch Wille, Ausdauer und Erfahrung, macht mich stolz“, sagte der 44-Jährige, der infolge eines Autounfalls im Jahr 1987 inkomplett querschnittsgelähmt ist.

War es für Teuber nach enttäuschenden Resultaten auf der Bahn, die erste Medaille in London, machte Graf den Medaillensatz komplett. Nach Platz drei im Zeitfahren über 1000 m und Rang zwei in der Einer-Verfolgung über 3000 m krönte der 28-jährige Freiburger seine starken Leistungen mit Gold. „Das ist einfach nur geil. Gehofft habe ich schon darauf, aber gerechnet habe ich nicht damit“, sagte der linksseitig oberschenkelamputierte Graf

Nach ihrem Triumph 2008 im Straßenrennen demonstrierte die querschnittsgelähmte Handbikerin Eskau (Magdeburg), die bei den Winterspielen in Vancouver 2010 Silber im Langlauf und Bronze im Biathlon geholt hatte, durch ihren Triumph im Zeitfahren ihre Vielseitigkeit. Dorothee Vieth (Hamburg), die rund 1:42 Minuten langsamer als ihre Landsmännin war, gewann nach zweimal Bronze in Peking ihre dritte paralympische Medaille.

Handbiker Hans-Peter Durst (Dortmund), dessen Start nach einem Unfall mit einem alkoholisierten Radfahrer inklusive Trümmerbruch im linken Daum lange fraglich war, musste sich im Mixed lediglich der Australierin Carol Cooke beugen.

Gleich bei seinem ersten paralympischen Auftritt sicherte sich Alessandro Zanardi (Italien), dem nach einem Horror-Unfall vor elf Jahren auf dem Lausitzring beide Beine amputiert werden mussten, vor Norbert Mosandl (Cottbus) Gold. „Hier ist etwas Magisches in meinem Leben passiert“, sagte der 45-Jährige. Mosandl beschuldigte den DBS nach dem Rennen, ihn aus der Nationalmannschaft geworfen zu haben, weil er nicht im Paralympischen Dorf, sondern in Brands Hatch wohnen wollte. Karl Quade, der deutsche Chef de Mission, dementierte diese Sichtweise auf SID-Anfrage umgehend. „Fakt ist, dass niemand aus der Nationalmannschaft geflogen ist“, sagte er.

Als Bronzemedaillengewinner entschied Bernd Jeffre (Nenndorf) das interne Rennen gegen Team- und Vereinskollege Nico Merklein für sich und verwies seinen Landsmann im Zeitfahren auf den undankbaren vierten Platz. Gold gewann Rafal Wilk aus Polen.

Kirsten Bruhn (Neumünster), die seit einem Motorradunfall 1991 auf der griechischen Insel Kos inkomplett querschnittsgelähmt ist, ließ der Konkurrenz bei ihrem letzten paralympischen Auftritt keine Chance und siegte wie schon 2004 in Athen und 2008 in Peking über die 100 m Brust. Die zweitplatzierte Song Ling Ling (China) schlug über 11 Sekunden nach der Deutschen an.

„Das war“s. In Rio bin ich nicht mehr dabei. Ich bin einfach nur erleichtert. Ich dachte, vielleicht zündet ja doch noch eine den Turbo„, sagte die 42-Jährige, die zuvor bereits Silber über 100 m Freistil gewonnen hatte. Insgesamt verabschiedet sich Bruhn mit drei Gold- sowie jeweils vier Silber- und Bronzemedaillen von der paralympischen Bühne.

Der querschnittsgelähmte Nils Grunenberg (Berlin) sicherte sich mit zwei Platz hinter dem Südkoreaner Lim Woo Geun die anvisierte Medaille. Torben Schmidtke (Potsdam) musste ebenfalls über die 100 m Brust nur Jewgeni Bohodajko (Ukraine) den Vortritt lassen, distanzierte aber Christoph Burkard (Rotweil).

Jana Schmidt (Rostock) sprintete über die 100 m vor Vanessa Low (Leverkusen) zu Bronze. `Ich wollte eine Medaille. Die Farbe war mir egal“, sagte Schmidt. über die doppelte Distanz rannte Maria Seifert (Erfurt) als Dritte ins Ziel, nachdem sie am Sonntag das Podest nur um eine Hundertstel verpasst hatte. Im Speerwerfen belegte Martina Willing (Brandenburg) den dritten Platz.

Rollstuhlfechterin Simone Briese-Baetke gewann nach einer 8: 15-Niederlage im Degen-Finale gegen die Thailänderin Jana Saysunee (Thailand) Silber. Rollstuhltennisspielerin Sabine Ellerbrock (Nr. 4) kämpft nach einer 5:7, 2:6-Halbfinal-Niederlage gegen die zwei Positionen höher eingestufte Aniek van Koot aus den Niederlanden gegen deren Mannschaftskollegin Jiske Griffioen um Bronze. Van Koots Finalgegnerin ist die seit 2003 in nunmehr 469 Matches ungeschlagene Esther Vergeer (Niederlande).

Die deutschen Sitzvolleyballer kämpften China nach 0:2-Rückstand und 1:56 Stunden noch 3:2 (19:25, 21:25, 25:21, 25:19, 15:10) nieder und treffen in der Runde der letzten Vier nun auf Bosnien-Herzegowina. Dagegen sind die Medaillenträume der deutschen Rollstuhlbasketballer nach einem 46:57 (28:25) gegen die USA geplatzt.

SID

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