Paralympics

Pistorius mit Weltrekord, deutsches Chaos-Bronze

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Oscar Pistorius

London - Ein Weltrekord-Start von Oscar Pistorius, Chaos-Bronze für Claudia Nicoleitzik und Silber für die „Grand Dame“ Marianne Buggenhagen: Das war Tag zwei der Paralympics-Leichtahtletik.

Der zweite Leichtathletik-Abend der Paralympics in London war für viele Beteiligte ein emotionales Wechselbad der Gefühle, das die 80.000 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion von den Sitzen riss. Bereits am Morgen hatte Heinrich Popow in einem Gänsehaut-Rennen beim Sieg des britischen Lokalmatadoren Richard Whitehead in Weltrekord-Zeit Bronze über 200 m gewonnen.

„Blade Runner“ Pistorius, der bei seinem Olympia-Start im Halbfinale über 400 m ausgeschieden war, blieb in 21,30 Sekunden fast eine halbe Sekunde unter seiner bisherigen Bestzeit (21,76) und distanzierte die Konkurrenz in seinem Halbfinallauf um fast anderthalb Sekunden. Im Endlauf am Sonntagabend um 21.15 Uhr Ortszeit (22.15 Uhr MESZ) steht in David Behre auch ein Deutscher. Der Leverkusener qualifizierte sich als Gesamt-Siebter für das Finale.

Nicoleitzik musste bis zur dritten Paralympics-Medaille wegen peinlicher Kampfrichter-Fehler bange Momente überstehen. Die 22-Jährige aus Püttlingen, die in Peking vor vier Jahren zwei Silbermedaillen gewonnen hatte, war über 200 m als Vierte ins Ziel gekommen. Es folgten eine Verwechslung und eine Disqualifikation - doch am Ende stand für die Saarländerin ein Happy End in Bronze.

Silber holte die bereits 59-Jährige Buggenhagen im Kugelstoßen. Für die Berlinerin, 1994 Deutschlands Sportlerin des Jahres, war es bei den sechsten Spielen bereits die 13. Medaille, neun davon waren Gold. Martina Willing (Potsdam) verpasste Bronze um zwei Zentimeter.

Britta Näpel und Angelika Trabert gewannen derweil Silber und Bronze in der Dressur. Deutschland liegt in der Mannschafts-Wertung vor der Entscheidung damit auch auf Platz zwei, allerdings fast aussichtslos hinter den Britinnen. Im Tischtennis greifen der zweimalige Gewinner Jochen Wollmert und Athen-Sieger Holger Nikelis nach ihren nächsten Goldmedaillen. Der Solinger Wollmert, der bereits in Sydney 2000 und Peking 2008 triumphiert hatte, steht nach einem hart umkämpften 3:2 gegen Michailo Popow aus der Ukraine am Sonntag (18.15 Uhr MESZ) im Finale gegen den britischen Lokalmatadoren William Bailey.

„Ich kann es noch gar nicht in Worte fassen. Ich habe der Nummer eins geschlagen und ihm die erste Niederlage des ganzen Jahres beigebracht“, sagte Wollmert: „Es ist ein Traum, dass ich im Finale gegen einen Briten spiele. Die Athmosphäre wird grandios sein. Aber ich habe schon in Peking gegen einen Chinesen im Endspiel gestanden und ebenfalls gewonnen.“

Der querschnittsgelähmte Kölner Nikelis erreichte durch ein 3:0 gegen den Briten Pat Davies das Finale seiner Klasse und hat damit auch mindestens Silber sicher. Um Gold kämpft er am Montag um 12.45 Uhr MESZ im Finale gegen den Franzosen Jean-Francois Ducay. Dagegen haben Stephanie Grebe und Thomas Schmidberger das Endspiel verpasst. Sie spielen nun um Bronze.

Popow hatte wegen Krämpfen fast die ganze Nacht nicht geschlafen, erwischte als „mieser Kurvenläufer“ die Innenbahn und war seit 19 Monaten nicht über 200 m gelaufen - und dennoch gewann Heinrich Popow Bronze. „Ich hatte heute einfach Eier“, sagte der 29-Jährige schmunzelnd: „Normalerweise sterbe ich nach 120 Metern, aber die Zuschauer waren so geil, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich sterbe.“

Die ohrenbetäubende Anfeuerung der 80.000 Zuschauer für Whitebread trieb auch Popow im Windschatten zur persönlichen Bestleistung. „Die Zuschauer sind einfach nur geil“, sagte der 100-m-Goldfavorit: „Ich glaube, jeder der 80.000 schreit ununterbrochen. Anscheinend wird jeder, der nicht mitschreit, von der Tribüne geschubst.“

Vergessen war zu diesem Zeitpunkt der Frust der am Vorabend um vier Zentimeter verpassten Bronzemedaille im Weitsprung und die darauffolgende Nacht der Leiden. „Ich hatte die ganze Zeit über superstarke Krämpfe und nur drei Stunden geschlafen“, erzählte Popow: „Am Morgen in der Dusche habe ich so laut vor Schmerzen geschrien, dass mich mein Zimmernachbar gefragt hat, ob ich noch lebe.“

Auch Wojtek Czyz fehlten nach dem Weitsprung am Vorabend, wo er als bester Oberschenkel-Amputierter Silber hinter dem Leverkusener Markus Rehm gewonnen hatte, die Kräfte. „Es ist einfach beschissen gelaufen“, sagte der Kaiserslauterer, der über 200 m 2004 in Athen Gold gewonnen hatte: „Meine Zeit ist eine klare Enttäuschung, aber ich konnte einfach nichts mehr entgegensetzen.“ Nun will sich Czyz auf die 100 m am Freitag „in Ruhe vorbereiten und nochmal angreifen."

SID

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