Doppelgold für Deutschland - Eklat beim Sprint

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Andrea Eskau (rechts) und Bronzemedaillengewinnerin Dorothee Vieth feiern ihren Erfolg

London - Weiterer Sieg für Eskau, Erlösung für Fahnenträgerin Schulte: Die deutschen Paralympier durften sich über die Goldmedaillen 15 und 16 sowie weiteres Edelmetall im Tischtennis und Radsport freuen.

Jubel über Gold durch Radsportlerin Andrea Eskau und Schwimmerin Daniela Schulte, aber großer Ärger bei den Leichtathleten: Die Vorwürfe von Sprinter Wojtek Czyz an den Teamkollegen Heinrich Popow haben am drittletzten Wettkampftag das sportliche Geschehen der deutschen Athleten in den Hintergrund gerückt. Ausgerechnet vor dem 100-Meter-Finale am Abend sorgte Czyz für einen Eklat: Er warf dem Titelfavoriten Popow vor, bei den Paralympics in London „technisches Doping“ zu betreiben.

Für sportliche Schlagzeilen sorgten vor allem Schulte und Eskau. Nach einigen Enttäuschungen gelang Fahnenträgerin Schulte im Aquatics Centre der erlösende Erfolg. Im Anschluss an das Rennen über 400 Meter Freistil konnte sie erleichtert ins Publikum winken. „Mit diesem ersten Gold ist ein Traum wahr geworden“, meinte die sehbehinderte Athletin. „Ich hätte gerne auch noch meinen eigenen Weltrekord gebrochen, aber die Nervosität war heute schon sehr groß.“

Vor Schulte, die dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) Goldmedaille Nummer 16 bescherte, ließ schon Handbikerin Eskau der Konkurrenz keine Chance. Bei ihrem souveränen Start-Ziel-Sieg fuhr die querschnittsgelähmte Athletin, die schon das Zeitfahren gewonnen hatte, mit mehr als zehn Minuten Vorsprung auf die Konkurrenz über die Linie. „Ich habe komplett für dieses Rennen trainiert. Als ich den Vorsprung herausgefahren hatte, konnte ich entspannt meine Zeiten runterspulen“, sagte die Thüringerin. Bronze ging an Dorothee Vieth aus Hamburg. Kurz danach holte der Hesse Vico Merklein Silber.

Eskaus Kunststück gelang am Abend auch Alessandro Zanardi, der seinem Zeitfahr-Sieg ebenfalls Gold in der Straßenkonkurrenz folgen ließ. Der frühere Formel-1-Pilot, der 2001 bei einem Unfall auf dem Lausitzring beide Beine verloren hatte, setzte sich knapp vor der Konkurrenz durch. Norbert Mosandl aus der Oberpfalz - im Zeitfahren noch Silbermedaillengewinner - wurde nur Sechster.

Ein Paukenschlag hatte sich schon am Vormittag ereignet: Czyz warf dem oberschenkelamputierten Popow vor, er habe von seinem Ausrüster Ottobock ein künstliches Kniegelenk erhalten, das anderen Athleten bis kurz vor Beginn der Spiele vorenthalten worden sei. Czyz erzählte, er und weitere Sportler hätten schon vor Monaten eine Anfrage gestellt, um das Modell zu kaufen. „Da wurde mir gesagt, dieses Knie ist reserviert für Heinrich Popow“, sagte Czyz. „Das ist für mich die Paradedisziplin technisches Doping.“

Ottobock-Sprecher Rüdiger Herzog bezeichnete die Anschuldigung als „Psychoterror“ und betonte: „Wir sind Partner der Paralympics und halten uns an die Regeln. Das Knie ist seit langem erhältlich.“ Popow bezeichnete die Vorwürfe gegenüber der „Bild“-Zeitung als „totalen Humbug“ und „ein typisches Psychospielchen von Wojtek“. Der Leverkusener war am Vormittag 100-Meter-Vorlaufbestzeit gelaufen und hatte dabei Scott Reardon aus Australien und Czyz distanziert.

Freude über die drittbeste Zeit wollte bei Czyz nicht aufkommen. Mit einer Schimpftirade in den Katakomben des Olympiastadions rückte er das Thema Fairness bei den Paralympics mal wieder in den Fokus. Im Team reagierte man mit Befremden auf den Auftritt von Czyz. Der deutsche Chef de Mission Karl Quade sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Das ist schade. Aber ich kann das nicht verhindern. Die Athleten sind erwachsen und kriegen auch keinen Maulkorb.“

Großer Jubel herrschte dagegen bei den Tischtennisspielern, als Thomas Schmidberger und Thomas Brüchle Silber gewannen. Die beiden Rollstuhlfahrer aus Bayern unterlagen zwar im Finale mit 2:3 den Favoriten aus China, boten aber ein packendes Match und verloren erst das entscheidende Doppel mit 1:3. Die Enttäuschung währte nur kurz. „Das ist ein Riesenerfolg, wir haben ein junges Team, dem die Zukunft gehört“, sagte Trainer Wieland Speer.

Ihren vierten Paralympics-Einzeltitel und ihren 470. Erfolg in Serie landete die niederländische Ausnahme-Tennisspielerin Esther Vergeer mit einem klaren 2:0 gegen Teamkameradin Aniek van Koot.

dpa

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