Ovtcharov holt Bronze und merkt es nicht

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Dimitrij Ovtcharov jubelt über seine Bronzemedaille.

London - Im Augenblick des Sieges drehte sich Dimitrij Ovtcharov ungerührt um, breitete seine Arme aus und zuckte mit den Achseln. Erst als er seinen Trainer Jörg Roßkopf wie wild jubeln sah, begriff es auch der Tischtennis-Youngster:

Erst als er seinen Trainer Jörg Roßkopf wie wild jubeln sah, begriff auch der Tischtennis-Youngster: Das war der Schlag zur Bronzemedaille, die bei den Olympischen Spielen in London eigentlich Timo Boll gewinnen wollte. Ovtcharov riss die Fäuste hoch - und sprang Roßkopf in die Arme.

„Ich kann es wirklich nicht glauben“, sagte Ovtcharov. Der Adrenalinschock war ihm nach dem 4:2 gegen Chuang Chih-Yuan aus Taiwan deutlich anzusehen. „Ich war so viele Sätze hinten, auch im letzten. Ich hatte mich schon auf den siebten Satz konzentriert. Aber auf einmal war es vorbei“, sagte der 23-Jährige.

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Auch Rekord-Europameister Boll freute sich für seinen Kumpel Ovtcharov. „Das ist natürlich großartig für Dima und unseren Sport. Er hat sich das verdient, er ist ein harter Arbeiter“, sagte Boll. Ovtcharov wiederum erklärte fast ein wenig beschämt, dass auch der beste deutsche Tischtennisspieler der vergangenen zehn Jahre, der im Achtelfinale gescheitert war, „es verdient gehabt hätte“.

Die zweite deutsche olympische Einzelmedaille nach Roßkopfs Bronze in Atlanta 1996 fühlte sich für Ovtcharov an „wie Gold“. Gegen den Weltranglistenachten, den er am Vorabend noch auf Video studiert hatte, bewies die Nummer zwölf der Welt erneut die nötige Coolness und Klasse, um in die asiatische Phalanx an der Weltspitze einzubrechen.

Zeit zu feiern bleibt kaum, denn Boll und Ovtcharov gehen mit Bastian Steger (Saarbrücken) als Olympiazweite von Peking bereits am Freitag (19.00/20.00) wieder auf Medaillenjagd. Dann beginnt der Team-Wettbewerb mit dem Achtelfinale gegen Schweden. „Feiern ist nicht drin, aber vielleicht gönne ich mir etwas richtig Gutes - ein Stück Pizza“, sagte Ovtcharov lachend.

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An der Hierarchie in der deutschen Mannschaft wird in London nicht gerüttelt. „Dazu bräuchte es noch ein paar Turniere, Medaillen und Erfolge mehr. Timo ist und bleibt ein sehr guter Teamleader“, sagte Roßkopf, der Ovtcharov aber ausdrücklich lobte: „Ich bin sehr stolz auf ihn, sein Kampfgeist war ausschlaggebend.“

Gegen Chuang hatte Ovtcharov in einem packenden Duell zu Satzbeginn meist Probleme, ins Spiel zu finden, obwohl er als letzter Europäer vom Publikum lautstark unterstützt wurde. „Ich war so unglaublich nervös“, gab Ovtcharov zu. Doch als es brenzlig wurde, bewahrte er die Nerven und drehte den 1:2-Rückstand.

Vor dem kleinen Finale hatte der in Kiew geborene Ovtcharov nur rund dreieinhalb Stunden Zeit gehabt, die Halbfinal-Niederlage vom Vormittag gegen den Weltmeister und späteren Olympiasieger Zhang Jike zu verdauen. Er ging schnell hinüber ins Hotelzimmer an der ExCel-Arena, das eigens für die doppelte Medaillenchance angemietet worden war. Auch im Halbfinale hatte Ovtcharov dann Chancen, machte sich aber vor den Augen von Innenminister Hans-Peter Friedrich und DOSB-Generaldirektor Michael Vesper selbst das Leben schwer.

Doch wie man nach Tiefschlägen aufsteht, hatte Ovtcharov schon mal bewiesen. Eine positive Dopingprobe auf Clenbuterol, wohl ausgelöst durch in China verzehrtes verunreinigtes Fleisch, ließ ihn 2010 wochenlang um die Fortsetzung seiner Karriere bangen. Er wurde freigesprochen. „Damals habe ich erkannt, dass es Wichtigeres gibt als Tischtennis“, sagt Ovtcharov.

Von Jana Lange

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