Nach Fehlstart: Biedermann zurück in der Spur

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Paul Biedermann kann wieder lachen.

London - Dem Fehlstart folgte eine erste Wiedergutmachung: 30 Stunden nach seinem Debakel über 400 m Freistil schwamm Paul Biedermann auf seiner Paradestrecke über die halbe Distanz souverän ins Finale.

Am schwarzen Auftakt-Wochenende der deutschen Schwimmer sorgte 25-Jährige damit wenigstens für einen kleinen Lichtblick.

In 1:46,10 Minuten ließ der WM-Dritte als Erster seines Zwischenlaufs sogar Weltmeister und Topfavorit Ryan Lochte aus den USA hinter sich. Am Ende leuchtete die „4“ vor seinem Namen auf der Anzeigetafel auf, vom Schnellsten, dem 400-m-Olympiasieger Sun Yang aus China, trennte ihn eine halbe Sekunde. Das Finale am Montag, das das Rennen seines Lebens werden soll, ist erreicht.

„Der Stein ist schon heute Morgen ins Rollen gekommen, aber ich hoffe, dass er noch mehr ins Rollen kommt“, sagte der 25-Jährige, der am Samstag über die lange Strecke als Vorlauf-13. regelrecht baden gegangen war: „Der Schock ist verdaut. Ich habe wieder Selbstvertrauen getankt.“ Vor der letzten Wende hatte der ehemalige Doppel-Weltmeister die Führung übernommen und sie nicht mehr abgegeben. „Es hat sich gut angefühlt. Ich war wieder in meinem Element“, sagte Biedermann, der sich am Morgen noch als Zehnter ins Halbfinale gequält hatte.

Für den doppelten Fehlstart am Samstag, als neben Biedermann auch Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen mit der Staffel untergegangen war, waren die Schuldigen schnell gefunden: Die Trainer der beiden deutschen Schwimmstars hatten sich verzockt. Weltrekordler Biedermann experimentierte mit einer neuen Taktik, Doppel-Olympiasiegerin Steffen sollte in der Staffel Kräfte sparen. „Man kann bei Olympischen Spielen keinen einzigen Lauf taktisch schwimmen, dazu reicht der Leistungsstand nicht aus“, sagte Leistungssportdirektor Lutz Buschkow nach den fahrlässig verspielten Medaillenchancen.

„An der Stelle haben wir Fehler gemacht, die nicht unbedingt nötig waren“, sagte Buschkow weiter: „Solche Fehler sollte man nur einmal machen.“ Sofort wurde eine Krisensitzung einberufen, danach hätten alle „den Ernst der Lage erkannt“.

Kritik an Biedermanns Trainer

Ex-Bundestrainer Dirk Lange kritisierte Biedermanns Heimcoach Frank Embacher, der das 400-m-Debakel wegen falscher Taktik auf seine Kappe genommen hatte, hart. „Paul ist einer der besten Schwimmer der Welt, aber er muss in die beste Verfassung gebracht werden. Dafür ist der Trainer da“, sagte der im November geschasste Hamburger: „Wer dann überrascht ist, dass bei Olympia schnell geschwommen wird, war noch nicht oft da.“

Auch die Verbandsspitze nahm er sich vor. „Es hat eine völlig falsche Einschätzung der Leistungsstärke gegeben“, sagte Lange. „Das hat sich schon bei der EM abgezeichnet, aber da war Friede, Freude, Eierkuchen. Man hat nicht die richtigen Rückschlüsse gezogen.“ Bei den Europameisterschaften vor zwei Monaten hatten die deutschen Schwimmer noch acht Goldmedaillen geholt - allerdings ohne ernsthafte Konkurrenz.

Beim blamablen Staffel-Aus hatte sich Steffens Coach Norbert Warnatzsch verkalkuliert. „90 bis 95 Prozent“ sollte die 28-Jährige als Startschwimmerin des 4x100-m-Freistilquartetts bieten. Es reichte am Ende nicht: Die Europameisterinnen und WM-Dritten schieden als Vorlauf-Neunte aus. „Deutschland kann bei der Fußball-EM taktieren, aber nicht im Schwimmen bei Olympia“, meinte Ex-Bundestrainer Lange: „Es geht um Steuergelder, um das Bild in der Öffentlichkeit. Das ist einer der größten Verbände. Da kann man nicht einfach so nonchalant darüber hinweggehen, dass zwei festeingeplante Medaillen weg sind.“

Die Männer machten Steffen und Co. am Sonntag vor, wie man in den Endlauf kommt. „Die Taktik war: volle Rotze, jeder bis zum Anschlag“, sagte Schlussschwimmer Marco di Carli, nachdem das Quartett in 3:13,51 Minuten deutschen Rekord geschwommen war.

sid

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