Historischer Triumph

Silber-Coup im Turnen!

+
Marcel Nguyen an den Ringen

London - Marcel Nguyen hat beim Mehrkampf-Finale der Kunstturner überraschend die Silbermedaille gewonnen. Es ist aus deutscher Sicht eine historische Leistung.

Noch ehe die letzte Wertung der Kampfrichter kam, standen die Konkurrenten bei Marcel Nguyen schon Schlange zum Gratulieren. Vom abgeschlagenen Fabian Hambüchen gab es eine herzliche Umarmung. Und als dann die Anzeigetafel bestätigte, dass Nguyen sensationell Silber im Mehrkampf und damit die erste deutsche Medaille in der Königsdisziplin seit 76 Jahren gewonnen hatte, kannte die Freude keine Grenzen mehr.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Trainer Valeri Belenki schleppte seinen fassungslosen Schützling durch die Halle, der sonst meist nur schüchtern lächelnde Nguyen strahlte und jubelte zugleich. „Vorher hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mit so etwas vorhergesagt hätte. Aber nach dem Reck habe ich sogar selbst an meine Chance geglaubt“, sagte Nguyen, der am Boden und am Barren noch zwei weitere Finalchancen hat.

Coach Belenki glaubte selbst nach dem verturnten Seitpferd an seinen oft etwas phlegmatischen Schüler: „Ich musste ihn nach jedem Gerät überzeugen, dass heute bei ihm was geht. Ich habe ihn jahrelang getreten und werde das wohl auch weiterhin tun müssen.“

Nur der dreimalige Weltmeister Kohei Uchimura war diesmal noch zu stark für den Unterhachinger, der seinen Erfolg kaum fassen konnte. Der Japaner sammelte 92,690 Zähler und gewann letztlich ungefährdet vor Nguyen (91,031). Bronze ging an Danell Leyva aus den USA (90,698) - Hambüchen landete abgeschlagen auf dem 15. Platz.

Sogar am Reck war der deutsche Vorzeitgeturner diesmal nicht in Form und musste das Gerät vorzeitig verlassen. Hambüchen hatte nach zwei Patzern am Seitpferd und einem Sturz beim Sprung den internen Vergleich mit Nguyen schnell verloren. Am Ende landete der ehemalige Reck-Weltmeister mit 87,765 Punkten unter ferner liefen.

„Am Pferd haben wir noch gegen meine Wertung protestiert, aber leider vergeblich. Allein da haben mir 0,6 Punkte gefehlt“, sagte Hambüchen, dem aber sein Sturz am Reck mit Blick auf die Medaillenentscheidung am Königsgerät in der kommenden Woche keine Sorgen bereitete: „Es war ein technischer Fehler, ich weiß genau, woran es lag.“

Nach solidem Beginn am Boden warf Hambüchen das gefürchtete Seitpferd zwar nicht ab, aber im Zwischenklassement bis auf Rang 22 weit zurück. Gleich zu Beginn seiner Übung missriet ihm die Schere in den Handstand, auch der Abgang war unsauber. Zwar protestierte die deutsche Mannschaftsleitung umgehend gegen die niedrige Bewertung von 13,266 Punkten, doch der Einspruch wurde abgewiesen.

Nguyen hingegen steigerte sich nach Problemen am Seitpferd und Rang 24 unter 24 Teilnehmern von Gerät zu Gerät. An den Ringen erntete der zweimalige Barren-Europameister einen zustimmenden Klaps seines Heimtrainers Belenki. Beim Sprung gab es einen kleinen Sidestep, aber an seinem Schokoladengerät sammelte der für einen Turner ungewöhnlich zart gebaute Athlet herausragende 15,833 Zähler.

Und als auch am Reck alles glattlief für den in Stuttgart trainierenden Sportsoldaten, schien Nguyen selbst an die große Überraschung zu glauben. Er lief aufgeregt hin und her und konnte es kaum erwarten, seinen Wettkampf am Boden abzuschließen.

Ushimura zeigte sich gegenüber seinen Auftritten mit der japanischen Riege deutlich verbessert und ließ seiner Silbermedaille von Peking 2008 den Olympiasieg folgen. Nach drei von sechs Durchgängen übernahm der Asiate die Gesamtführung und gab sie vor 15.500 Zuschauern bis zum Schluss nicht mehr ab.

sid

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare