"Sanierungsfall"

Millionen-Minus: HSV schockt deutschen Handball

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Vor wenigen Monaten gewann Hamburg noch die Champions League.

Hamburg - Dem Top-Klub HSV Hamburg droht der finanzielle Kollaps. Selbst die Konkurrenten machen sich große Sorgen. Liga-Boss Bohmann rügt den Champions-League-Sieger.

Riesige Sorgen beim großen Rivalen, deutliche Worte vom Liga-Boss: Die Nachricht von der dramatischen finanziellen Schieflage des Champions-League-Siegers HSV Hamburg hat die Handball-Bundesliga schockiert. Das Aus des Meisters von 2011 wegen eines Millionen-Minus wäre für die Liga kaum zu verkraften. Alle Beteiligten sprechen auch der Nationalmannschaft in dem Drama eine Schlüsselrolle zu.

„Wer so ein Defizit erwirtschaftet, hat über seine Verhältnisse gelebt. Das ist eine Milchmädchenrechnung. Darüber haben wir auch mit dem HSV gesprochen“, sagte Liga-Boss Frank Bohmann im Gespräch mit dem SID zur Krise der Hanseaten. Ebenso wie Geschäftsführer Klaus Elwardt vom Rekordmeister THW Kiel hofft Bohmann darauf, dass an der Elbe der Umschwung gelingt. „Das ist wirklich schockierend“, sagte Elwardt dem SID: „Es ist das Allerwichtigste, dass der Spielbetrieb über die Saison hinaus weitergeht.“

Am Dienstagabend hatte Hamburgs Präsident Andreas Rudolph die Lage als „dramatisch“ bezeichnet, sein Klub sei ein „Sanierungsfall“ - bis zum Saisonende fehlen knapp zwei Millionen Euro. Als Konsequenz entließ er Geschäftsführer Christoph Wendt sowie weitere sieben Mitarbeiter der Geschäftsstelle und kündigte an, die auslaufenden Verträge von einigen Stars nicht zu verlängern.

Der Grund für das Defizit ist einfach erklärt: Steigenden Ausgaben für einen teuren Kader stehen abnehmende Einnahmen von Sponsoren, einem Vermarkter und Zuschauern gegenüber. Im Vergleich zur Saison 2010/11 kassierte der HSV zwei Millionen Euro weniger. Bereits Anfang Februar musste Rudolph mal wieder in sein privates Portemonnaie greifen und 500.000 Euro in den Klub pumpen, der ihn seit 2004 mehr als 20 Millionen Euro gekostet haben soll. Rudolphs Geld wird die Lizenz für die nächste Saison wohl retten.

„Das kann ich noch nicht sagen, weil die Unterlagen erst am 1. März eingereicht werden“, erklärte Bohmann. Die Entscheidungen fallen dann am 15. Mai. Mit dem HSV hoffen auch die Konkurrenten auf einen positiven Bescheid. „Das ist ein Top-Team, und es sind jedes Mal Derbys gegen uns. Der HSV ist eine Marke“, sagte Elwardt, der mit seinem Klub im abgelaufenen Geschäftsjahr ebenfalls ein Minus verzeichnen musste: „Ich kann nur den Hut vor Andreas Rudolph ziehen, dass er weitermacht.“

Niemand wünsche sich, dass der HSV die Segel streicht, sagte Flensburgs Geschäftsführer Dierk Schmäschke dem SID: „Schön sind solche Meldungen nie, gerade in der Situation, in der sich der Handball befindet.“ Die Lage müsse jedem zu denken geben. „Du hast ja keine Saison in den letzten Jahren gehabt, die ohne Insolvenz oder Gehaltskürzungen in einem Verein stattfindet“, sagte Füchse-Präsident Frank Steffel dem SID: „Das ist doch furchtbar.“

Rudolph hatte angegeben, auch mit Blick auf die Liga weitere Gelder bereitzustellen. „Es wäre ein Armutszeugnis gewesen, wenn sich der Champions-League-Sieger zurückgezogen hätte“, sagte der mächtige Medizintechnik-Unternehmer. Von nun an gehen alle Papiere über den Tisch des 58-Jährigen, der auch das zuletzt schwache Abschneiden der Nationalmannschaft für fehlende Sponsoreneinnahmen verantwortlich macht.

Eine Einschätzung, die Elwardt und Bohmann stützen. „Ein starkes DHB-Team hilft nicht nur dem HSV, sondern allen Klubs in der 1. und 2. Liga“, sagte der Liga-Chef. „Der Handball muss aus den Negativschlagzeilen raus“, ergänzte Elwardt. Auch deshalb ist das Abschneiden der Nationalmannschaft in den Play-off-Spielen um das Ticket für die WM 2015 (Katar) gegen Polen (7./8. und 14./15. Juni) von wegweisender Bedeutung für den deutschen Handball. Nicht nur der HSV ist ein Sanierungsfall.

sid

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