Martin Tomczyk macht sein Meisterstück

+
Martin Tomczyk

Valencia - Vor der Saison wurde er in einen älteren Audi A4 zurückversetzt, nun feierte Martin Tomczyk im Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) seinen ersten Titel.

Beim Telefonat mit den Eltern flossen reichlich Tränen, anschließend musste jeder Mechaniker bis drei Uhr morgens für ein Tänzchen herhalten, doch Alkohol rührte Martin Tomczyk auf seiner eigenen Meisterfeier kaum an: Der vielleicht sensationellste DTM-Champion der Geschichte wollte ganz bewusst genießen, „alles mitbekommen“ und den Moment für immer in der Erinnerung festhalten.

Als Vater Hermann, als Motorsport-Präsident der höchste Sport-Funktionär des ADAC, beim Saisonfinale des ADAC-GT Masters auf dem Hockenheimring vom Titel seines Sohnes erfuhr, schossen ihm die Tränen in die Augen. Das Telefonat mit seinen Eltern bezeichnete Tomczyk junior nachher auch als den „vielleicht schönsten Moment“ jenes unvergesslichen 2. Oktober: „Das war nicht wirklich eine Konversation, sondern eher ein Geheule!“

Und der Startschuss eines wahren Party-Marathons. Nachdem der neue Champion um 21.30 Uhr mit einer Ansprache die Feier für eröffnet erklärt hatte, gab es in der Audi-Hospitality von Valencia kein Halten mehr. Ein DJ heizte den Besuchern mit heißen Beats sowie einer Licht- und Nebelshow kräftig ein, der Champagner floss in Strömen.

Eloquent und freundlich

Nur Tomczyk hielt sich mit dem Trinken zurück. Er griff sich stattdessen nach und nach sämtliche Helfer, tanzte ausgelassen mit ihnen und ging um kurz vor drei vergnügt nach Hause. Nach dem Rückflug am Montagabend ging es sofort weiter auf die Wiesn, wo Tomczyk den Abschlusstag des Oktoberfests in einer Krachledernen feierte. Am Abend war er Gast in der Sendung Blickpunkt Sport, in den nächsten Wochen wird er einer der beliebtesten Gesprächspartner der Medien sein: „Aber das gehört dazu, und das genießt man in dem Moment auch.“

In Interviews gibt sich der gelernte Bürokaufmann eloquent und freundlich, nur eine Frage darf man ihm nicht stellen: Die nach dem Hochzeitstermin mit seiner Verlobten Christina Surer, die an der Seite von Martins Bruder und Manager Tobias in der Box die Daumen drückte und die Spannung kaum aushielt. „Die Frage lassen wir weg. Das entscheiden wir unter uns“, sagte Tomczyk streng und kurz angebunden.

Das Besondere am Titel des 29 Jahre alten Rosenheimers: Zehn Jahre lang fuhr er, von Pech und Pannen begleitet, für das Abt-Team in Neuwagen. Nach zunehmender Kritik war der schon als „ewiger Pechvogel“ abgestempelte Bayer vor der Saison in das 2008er-Modell des Phoenix-Teams abgestuft worden. Nun startete er durch und holte als erster Pilot den Titel in einem Jahreswagen.

„Die zehn Jahre davor waren sehr hart“, sagte er nach seinem Triumph und sprach von „einer großen Genugtuung“. Das Geheimnis des Erfolges? „Ich habe es nicht als Degradierung, sondern vielmehr als neue Herausforderung verstanden.“ Vor Saisonbeginn organisierte er eine Grillparty für das neue Team, die Namen aller Mechaniker hatte er auswendig gelernt. So imponierte er seinen Mitstreitern und schuf einen Teamgeist, der Phoenix durch die Saison bis zum Titel trug.

Der längste Fahrer im Feld

Und er beeindruckte so auch die Audi-Bosse, die dem herausragenden Talent in zehn Jahren mit nur vier Siegen lange den Rücken gestärkt hatten - und dann doch etwas von ihm abgerückt waren. „Dass Martin ein starker Rennfahrer und ein toller Kerl ist, wussten wir schon immer“, sagte Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich: „Jetzt ist er auch ein echter Champion.“

Doch wer ist dieser Martin Tomczyk? Mit 1,88 m ist der Rosenheimer der längste Fahrer im Feld, mit 112 Starts der dritterfahrenste. In seinen Teams war er stets beliebt, bekannt und gefürchtet für seine Streiche und Witze. Er hat eine weiche Seite, wollte ursprünglich Kindergärtner werden und kauft gerne Frauenzeitschriften, um Rezepte nachzukochen.

Gleichzeitig ist er ein Harley-Fan, ein Technik-Freak und ein echter „Gambler“ am Pokertisch. Er liebt die „Rocky“-Filme und kann weite Teile auswendig mitsprechen, mit Vater Hermann und Bruder Tobias wird er in den nächsten Wochen einen Zero-G-Flug in die Schwerelosigkeit antreten. Zu Tomczyks besten Freunden zählt Fußball-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, mit dem der Bayern-Fan sich häufig heiße Duelle an der Playstation liefert.

In der Nacht vor dem Rennen in Valencia war der Zocker in Tomczyk gewichen, Aufregung und Unsicherheit waren angesagt. Kaum ein Auge habe er vor lauter Grübelei zugemacht, verriet er. Zum Schlafen wird er wohl auch in den nächsten Wochen kaum kommen.

sid

Kommentare