Deutschland erneut unter Top-10

Londons-Paralympics ein "Sommer-Wahnsinn"

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Die Paralympics wurden von allen Seiten gelobt.

London - Die letzte Goldmedaille holten sich die russischen Fußballer. Am Sonntagabend findet dann die Abschlussfeier statt. Die Paralympics waren ein rauschendes Fest - für Athlethen und Zuschauer.

Sie waren das „zweite Olympia“, die „wahren Spiele Londons“ oder einfach „der Sommer-Wahnsinn“: Die Paralympics in London haben als rauschendes Fest alle hohen Erwartungen übertroffen. Höchstleistungen wunderbarer Sportler, unvergessliche Geschichten, Gänsehaut-Atmosphäre in den vollbesetzten Arenen und fröhliche Menschen allüberall in der Neun-Millionen-Metropole: Die Paralympics sind endgültig mehr als nur die lästige, kleine Schwester von Olympia.

„Die Londoner haben uns auf dem gesamten Weg das Gefühl gegeben, dass die Paralympics das zweite Olympia waren. Und zwar nicht in der Reihenfolge, sondern nebeneinanderstehend“, sagte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) dem SID: „Der Titel “Sommermärchen' ist ja schon belegt, aber dann war das hier der 'Sommer-Wahnsinn."

Dass es die größten Spiele der Geschichte werden, war vorher schon klar. Eine Rekord-Teilnehmerzahl (4200 aus 166 Ländern), eine Rekord-Zuschauerzahl (2,7 Millionen), Rekord-Übertragungszeiten weltweit. Da die Spiele aber nicht nur mit Zahlen protzen, sondern auch Herz haben, waren die größten Paralympics auch die besten. Sagen nicht nur die Sportler, sondern auch alle Funktionäre und Politiker.

Viele Briten, die für Olympia keine Tickets bekommen hatten, sicherten sich welche für die Paralympics. So wurden die Weltspiele der Behindertensportler zu `den wahren Spielen der Londoner“, wie die Reiterin Natasha Baker feststellte. „In der U-Bahn lächelt einen jeder an“, stellte Oscar Pistorius fest.

Die Spiele boten auch Stars. Wie eben Olympia-Teilnehmer Pistorius, der sich mit Rang zwei über 200 und Platz vier über 100 m zunächst als schlagbar erweist, um dann im großen Finale über 400 noch einmal seine große Bühne zu bekommen. Oder wie den früheren Formel-1-Piloten Alex Zanardi, der elf Jahre nachdem er bei seinem Horror-Unfall auf dem Lausitzring beide Beine verlor, zweimal Gold im Handbike gewann und nicht nur den dreimaligen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda „zu Tränen rührte“.

Unvergessen bleiben auch die Bilder des Brasilianers Yohansson Nascimento, der im Rennen über 100 m nach 30 Metern stürzte und sich dann leidend als Fußgänger ins Ziel schleppte, wo er sofort zusammenbrach und mit einem Rollstuhl rausgefahren wurde. Oder die von Hassani Ahamadi Djae, der als erster und einziger Starter der Komoren seine Disqualifikation nach Fehlstart einfach ignorierte und unter dem extatischen Jubel der Zuschauer seine Bahn zu Ende schwamm. Auf die Frage nach dem bewegendsten Moment der Spiele antwortete Beucher: „Das müsste ich angesichts der Summe der Emotionen mit dem Füllhorn ausschütten.“

Das deutsche Team hat nach Ansicht des Präsidenten „sensationell abgeschnitten“ und mehr erreicht, „als es die kühnsten Optimisten erträumt hätten“. 18 Goldmedaillen waren vier mehr als in Peking 2008, die 26-mal Silber und 22-mal Bronze sorgen dafür, dass auch das Gesamtergebnis aus China (14/25/20) übertroffen wurde. Den erhofften Platz unter den ersten Zehn im Medaillenspiegel hat das deutsche Team erreicht.

Und dabei ebenfalls Helden geboren. Wie den Handbiker Hans-Peter Durst, der drei Wochen nach seinem Fahrradunfall mit einem wieder angenähten Daumen und drei Brüchen im Arm trotz höllischer Schmerzen im Arm Silber im Zeitfahren gewann. Wie Birgit Kober, die nach einem Behandlungsfehler im Rollstuhl sitzt, auf einer Hundewiese trainiert und mit dem Speer und der Kugel Gold mit Weltrekord-Weiten gewann.

Wie Jochen Wollmert, der als Sieger im Tischtennis-Finale gegen den Briten Will Bayley eigentlich eine „Spaßbremse“ war, durch seinen Trost für den Verlierer aber bejubelt und nun sogar für einen Fairplay-Preis vorgeschlagen wurde. Wie die Brussig-Zwillinge Carmen und Ramona, die im Abstand von 15 Minuten Gold im Judo gewannen. Oder wie auch Heinrich Popow, der die Psychospielchen seines deutschen Rivalen Wojtek Czyz ignorierte und 100-m-Gold holte.

Der größte Gewinner war aber der Behindertensport als solches. Gewohnheitsgemäß verschwindet er zwischen den Paralympics von der Bildfläche, doch von diesen Spielen wird vieles bleiben. So groß war die Chance auf Nachhaltigkeit noch nie wie nach diesem „zweiten Olympia“.

Russlands Fußballer gewinnen letzte Goldmedaille

Im 503. Wettbewerb und damit auch die letzte Goldmedaille gewannen die Fußballer aus Russland. Im Finale des Wettbewerbs „7-a-side“, bei dem pro Team sieben Spieler mit Gehschwierigkeiten oder cerebraler Kinderlähmung starten, setzten sich die Russen am Sonntag mit 1:0 gegen die Ukraine durch. Australien gewann das Finale im Rollstuhlrugby mit 66:51 gegen Kanada.

Am frenetischsten gefeiert wurde am Sonntag aber David Weir, der den Marathon der Rollstuhlfahrer für sich entschied. Auf der Prachtstraße The Mall durfte der Brite über sein viertes Gold bei diesen Spielen jubeln. Zuvor war er im Olympiastadion über 800 Meter, 1500 Meter und 5000 Meter nicht zu schlagen.

sid/dpa

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