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"Longshot-Lilly": Eine Königin am Kickertisch

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Hübsch und geschickt am Kicker-Tisch: Lilly Andres.

Nantes - Aus der Kneipe zu den Olympischen Spielen - das ist der sportliche Lebenstraum von Lilly Andres. Am Donnerstag wurde „Longshot-Lilly“ in Nantes Vize-Weltmeisterin im Tischfußball.

Die kleine Kugel flippert im Mittelfeld hin und her, wandert dann gezielt die Bande entlang zur Angriffsreihe. Der Außenstürmer stoppt das Geschehen. Ein kurzer Blick, ein Zucken in der Schulter, ein Knall: Der Ball ist drin, innerhalb von Sekundenbruchteilen im Tor versenkt.

„Longshot“, so heißt der Spezialschlag der besten deutschen Tischfußballerin. Und deshalb wird Lilly Andres, seit Donnerstag Vize-Weltmeisterin im Einzel, auch „Longshot-Lilly“ genannt. „Das ist der sogenannte Rechts-Lang im Deutschen. Der Ball wird vom Strafraumeck nach innen gezogen und schlägt diagonal in der langen Ecke ein“, erklärt Andres, während der metallische Klang vom Torschuss nachhallt.

Andres weiß, wovon sie spricht. In ihrem Leben dreht sich alles um 22 Figuren an Drehstangen und eine kleine Kugel. Die gebürtige Mainzerin ist mehrfache deutsche Meisterin sowie Weltmeisterin im Damen-Doppel (2010) und mit der Mannschaft (2009 und 2012). Bei der WM in Nantes (bis 6. Januar) verlor sie am Donnerstagabend das Finale gegen Jekaterina Atanasowa aus Bulgarien in drei Sätzen.

„Ich weiß nicht mehr, wohin mit all den Pokalen“, sagt die Nummer zwei der Weltrangliste. „Im Schrank verstauen wird langsam schwierig.“ Für ihr neuestes Stück allerdings wird sie auf jeden Fall einen Platz finden. Denn: „Die Konkurrenz ist extrem hart. Die WM ist jedes Jahr eine neue Herausforderung.“

Zur Vorbereitung spielt die Kapitänin der deutschen Auswahl alle Jahre wieder in gewohnter Atmosphäre: in der eigenen Kicker-Lounge in Berlin-Friedrichshain. Mit dem Klischee der verqualmten Kneipe hat das nichts zu tun: Halogenleuchten strahlen auf die teuren Profi-Tische. Alkohol trinkt niemand. „Ganz raus aus der Kneipe kommt der Sport aber nie, weil er dort geboren worden ist“, sagt Andres. „Wir alle haben dort angefangen.“

Es sind trotzdem zwei verschiedene Welten: Hier das Kickern, Wuzzeln oder Krökeln, erst im Kindergarten, später in der Kneipe um die Ecke - dort der organisierte Sport mit Regelwerk, Ligastruktur und internationalen Wettkämpfen. Der Deutsche Tischfußball-Bund (DTFB), gegründet 1969, hat derzeit etwa 6500 Mitglieder in mehr als 300 Vereinen. Tendenz steigend. Seit 2011 gibt es sogar eine Junioren-Bundesliga.

Vorzeigespielerin Andres ist 29, sie hat erst vor acht Jahren losgelegt. „Ich hasse Kickern“, sagte sie, als Freunde sie an den Tisch baten. Aus der Abneigung wurde Spaß, dann Leidenschaft. „Ich bin da so reingerutscht. Und ich bin furchtbar ehrgeizig“, sagt Andres.

Früher musste sie kellnern und schlecht bezahlte Nebenjobs annehmen, „alles nur, um zu den Turnieren fahren zu können“. Heute kann die Maskenbildnerin vom Tischfußball leben, auch wenn die Preisgelder nicht gerade hoch sind. „Man muss aus einem WM-Titel etwas machen“, sagt sie.

Das hat sie getan. In Fernsehshows, auf Video-Portalen im Internet, in Werbespots. Andres, die ihr exotisches Aussehen ihrer thailändischen Mutter verdankt, hat es mit Charme und Attraktivität zu einiger Bekanntheit gebracht.

Auf den Turnieren ist sie eine der wenigen Frauen. Dabei eigne sich der Sport gut für das weibliche Geschlecht, findet Andres: „Weil es im Vergleich mit anderen Sportarten kaum auf die körperlichen Voraussetzungen ankommt.“

Den Status als offizielle Sportart hat Tischfußball in Deutschland noch nicht. Dazu fehlen dem Verband unter anderem die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geforderten 10.000 Mitglieder. Und trotzdem träumt die Kicker-Gemeinde davon, irgendwann bei den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) habe sogar schon mal bei Turnieren vorbeigeschaut, erzählt Andres. „Es wäre einfach großartig, wenn das klappt.“ Dann spielt sie weiter. Und bald knallt es wieder im Tor.

sid

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