Knochenbrüche im Minirock: So hart ist Cheerleading

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Cheerleader beim Fußball-Länderspiel zwischen Polen und Deutschland im September 2011

München - Für viele sind Cheerleader Hupfdolen, die vor allem eins können müssen: hübsch aussehen. Doch Cheerleading kann knallharter Sport sein - Knochenbrüche inklusive.

In vier Sekunden ist Julia Lang nach oben geklettert, als ob es das Einfachste auf der Welt ist. Auf der Pyramide aus Cheerleadern steht sie in fünf Metern Höhe: Körperspannung, die Arme in die Hüften gestemmt, nur ihr blonder Pferdeschwanz schwingt hin und her. Dann lässt sie sich rückwärts nach unten fallen. Heute trägt die Berliner Cheerleaderin keinen kurzen Rock und auch kein bauchfreies Top. “Das ist nur unser Outfit für die Auftritte“, sagt die 20-Jährige. Aber heute wird trainiert: in Leggings für die Europameisterschaft im Sommer.

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Sexy Dummerchen oder kreischende Hupfdolen: Auf kaum einem Sportler haftet wohl so ein negatives Klischee wie auf Cheerleadern. Was sie können? Gut aussehen und in den Pausen von Football- und Basketball-Spielen rhythmisch mit ihren bunten Pompom-Püscheln wedeln, heißt es. In der Tat gibt es Gruppen, die bei ihren Choreographien ganz auf ihren Sexappeal bauen. Für andere dagegen ist aus dem Sport am Spielfeldrand - der an US-amerikanischen Universitäten entstand, um Athleten anzufeuern - längst ein Leistungssport geworden.

“Cheerleading vereint Akrobatik, Bodenturnen und Tanzen“, sagt Trainerin Natalie Grant. Mit ihrer Cheerleader-Gruppe, den Berliner Legends, ist die 31-Jährige amtierender Deutscher Meister und holte bei der Weltmeisterschaft in Hongkong 2011 die Bronze-Medaille. “Das Image kommt wohl von diesen amerikanischen High-School-Filmen. Natürlich verliebt sich ein Mädchen auch im echten Leben mal in einen Football-Spieler, aber das hat ja nichts mit dem Sport zu tun.“

Die 31-Jährige mag das Cheerleader-Klischee vom schmückenden Beiwerk nicht mehr hören. “Cheerleading ist eine Sportart, die wehtut. Wir haben blaue Flecken, blutige Nasen. Wir sind überhaupt keine Tussen“, sagt sie. Im Training bei Sprüngen oder beim Bau der Pyramiden breche schon mal eine Nase. Auch Bänderrisse seien häufige Verletzungen. Grant selbst hat mit 24 Jahren aufgehört. “Es ging nicht mehr und wenn es zu sehr wehtut, muss man aufhören.“ Die Frauen in Grants Mannschaft sind zwischen 16 und 27 Jahren alt - und zählen damit schon zu den Seniors.

Dass der Sport den jungen Frauen mehr abverlangt, als zu lächeln, wird schon beim Aufwärmen in der Sporthalle klar. Da werden auf weichen Matten Sprünge geübt, die Beine in den Spagat gestretcht und der Trizeps der Oberarme trainiert. “Das ist schon anstrengend“, sagt Lang, die seit zehn Jahren Cheerleaderin ist. “Gerade da oben auf der Pyramide sind alle Muskeln extrem angespannt.“

Ungefähr 200 Cheerleader-Vereine gibt es in Deutschland, schätzt die Vorsitzende der Cheerleader Vereinigung Deutschland (CVD) Anne Urschinger. “Der Sport kam in den 1980er-Jahren mit dem American Football nach Deutschland“, sagt sie. Kurioserweise erfanden Männer das Cheerleading - und nicht Frauen. Es war Ende des 19. Jahrhundert in den USA, als Männer zu Megafonen griffen, um ihre Universitätssportler anzufeuern. “Erst später kamen die Frauen für die Optik und fürs Tanzen dazu“, ergänzt Romy Möbius vom Cheerleading und Cheerdance Verband Deutschland (CCVD).

Bei den Weltmeisterschaften müssen die Cheerleader einen Pflicht- und einen Kür-Teil zu präsentieren - ähnlich wie beim Eiskunstlauf. Zwischen den Cheerleading-Vereinen herrscht jedoch keine große Harmonie. So gibt es zwei Verbände, je zwei Meisterschaften - und dementsprechend immer die doppelte Anzahl an Meistern. Bei der WM der Cheerunion 2011 holten die USA-Damen Gold, vor Norwegen und Schweden. Die Berliner Legends mit Natalie Grant und Julia Lang wurden Dritter bei der Cheer-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr, hinter Japan und China. Das alles in der reinen Frauen-Kategorie - eine zweite Kategorie ist gemischt.

Denn wie zur Geburtsstunde gibt es auch heute noch männliche Cheerleader. Ungefähr zehn Prozent aller Cheeleader machen sie nach Angaben der CVD-Vorsitzenden Urschinger aus. “Die Männer sind dann nicht bauchfrei, nicht geschminkt und haben keine Pompoms“, sagt Trainerin Grant. Sie stehen meist unten und halten die Frauen, die auf fünf Metern Höhe ihre Kunststücke machen. Und sie helfen ihnen elegant durch die Luft zu fliegen und dem Publikum zu gefallen. Sexy sollen die Cheerleader nämlich schon sein, aber eben nicht anrüchig.

Geschichte des Cheerleadings

Cheerleading ist heute untrennbar mit dem American Football verknüpft. Ende des 19. Jahrhunderts entstand der Sport als professionelles Anfeuern von Athleten an den US-amerikanischen Universitäten. Ziel war es, dem Publikum einzuheizen - schließlich bedeutet Cheerleading so viel wie “zum Beifall führen“. Erfinder waren nicht etwa Frauen, sondern Männer. Erst in den 1920er-Jahren durften auch weibliche Cheerleader aufs Spielfeld. Die farbigen Pompons, inzwischen das Markenzeichen von Cheerleadern, wedelten sie aber erst zehn Jahre später. Zu einer USA-weiten Massenbewegung wurde das Cheerleading ab 1950 - heute ist es weltweit verbreitet. Es gibt Gruppen, die sich auf das ursprüngliche Anfeuern auf dem Spielfeld konzentrieren, andere betreiben es als Leistungssport und nehmen an Meisterschaften teil.

dpa

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