Prozess gegen Schumacher

Holczer: Vorwurf "vollkommen gelogen"

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Hans-Michael Holczer

Stuttgart - Hans-Michael Holczer bestreitet im Betrugsprozess gegen Stefan Schumacher die Vorwürfe seines einstigen Schützlings vehement. Damit steht das Stuttgarter Landgericht zunächst vor dem Dilemma „Aussage gegen Aussage“.

Der Betrugsprozess gegen Radprofi Stefan Schumacher steckt in der erwarteten Pattsituation: Der ehemalige Gerolsteiner-Boss Hans-Michael Holczer wies am zweiten Verhandlungstag die schweren Vorwürfe seines einstigen Vorzeige-Radprofis vehement zurück und bekräftigte mehrfach, nichts von den Dopingpraktiken Schumachers gewusst zu haben.

„Blank erfunden“ und „vollkommen gelogen“ seien Schumachers Aussagen, die Holczer als Mitwisser der vielen Verfehlungen im Gerolsteiner ProTour-Team entlarven würden, sagte der 59-Jährige in Saal sechs des Stuttgarter Landgerichts. Schumacher habe darüber hinaus „ohne Umschweife“ im Gespräch mit der Teamleitung die Einnahme der Epo-Modifikation Cera abgestritten.

Deshalb wirft die Staatsanwaltschaft dem inzwischen geständigen Dopingsünder Schumacher in dem Prozess vor der 16. Großen Strafkammer vor, Holczer in den betreffenden Monaten 2008 hintergangen und sich mit seinen Verfehlungen laut Anklageschrift einen „rechtswidrigen Vermögensvorteil“ erschlichen zu haben. Es geht um 150.000 Euro. Ein Vorwurf, den Schumachers Anwälte entkräften wollen.

Nach dem zweiten von acht Verhandlungstagen steht das Gericht nun zunächst vor dem erwarteten Dilemma „Aussage gegen Aussage“: Vier-Augen-Gespräche und stille Zustimmung sind juristisch nicht nachzuweisen. Die Vernehmung wurde am Donnerstag unterbrochen und wird am 23. April fortgesetzt. Holczer wird anstelle des einstigen Profis und geständigen Dopingssünders Bernhard Kohl weiter vernommen. Kohl, Zeuge der Staatsanwaltschaft, wird aller Voraussicht nach nicht vor Gericht erscheinen.

Der 31-jährige Schumacher hatte bei seiner Vernehmung am 10. April von angeblich erschreckenden Zuständen berichtet - und Holczer habe „zu einem Großteil gewusst, was passiert“, sagte er: „Hans Holczer hat die Strukturen geschaffen, die Ärzte eingestellt. Er war verantwortlich und hatte tiefe Einblicke in das Team.“ Schumachers Aussage, Holczer habe nach dem Sieg beim Klassiker Amstel Gold Race 2007 betont locker mit den Worten reagiert: „Ey Schumi, ich bin nicht blöd. Amstel gewinnt man nicht einfach so. Aber ich glaube, dass du für einen Weltklassefahrer relativ sauber bist“ bestritt Holczer vehement.

Ebenso bekräftigte Holczer, seinen Fahrer nie gefragt zu haben, ob dieser „zu viel Synacthen (Dopingpräparat, d. Red.) geblasen“ habe. Zwar habe er nach dem Dopingmittel gefragt, aber nur, damit Schumacher „weiß, dass wir auf alles achten“, sagte Holczer, der zudem „von diesen medizinischen Dingen nur am Rande“ Kenntnis habe.

Von der Epo-Modifikation Cera, deren Missbrauch Schumacher in nachträglichen Analysen von Proben der Tour des France und der Olympischen Spiele 2008 nachgewiesen worden war, habe er erst gehört, als die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA verkündete, das Dopingmittel nachweisen zu können, sagte Holczer. Schumacher sei bei dieser Bekanntgabe im Übrigen „leichenblass“ geworden.

Holczer stellte sich in Stuttgart als „kompromissloser“ Anti-Doping-Kämpfer dar. Im Dopingfall Danilo Hondo im Jahr 2005 sei beispielsweise „sieben Minuten, nachdem die positive B-Probe ankam“ der Vertrag mit dem Rennfahrer gekündigt worden. „Ich habe ihm klar gesagt, dass er keine Hilfe von meiner Seite erwarten kann“, sagte Holczer.

Das Verhältnis zu Schumacher, mit dem sich Holczer bereits 2009 arbeitsrechtlich außergerichtlich geeinigt hatte, sei seit der Forderung des Weltverbandes UCI nach einer „Ehrenerklärung“ äußerst zerrüttet gewesen. „Was sich dann entsponnen hat, das hätte sicherlich dazu geführt, dass ich den Vertrag hätte auslaufen lassen - wenn ich gekonnt hätte“, sagte Holczer zu den Vorgängen im Frühjahr 2007. Schumacher habe Holczer demnach anschließend per Anwaltsschreiben Erpressung unterstellt.

Deutlich beschleunigen könnte den Prozess die Vernehmung der betreffenden Gerolsteiner-Teamärzte. Auf die Frage, welcher Arzt ihn als erster mit Cera versorgte habe, erwiderte Schumacher jedoch erneut vielsagend: „Ich bin bereit mein Wissen zu teilen, aber nicht in diesem Raum.“

Bereits am ersten Verhandlungstag hatte Schumacher die Nennung des betreffenden Namens verweigert, sagte jedoch: „Es war nicht Mark Schmidt.“ Allerdings rügten Schumachers Anwälte, die Staatsanwaltschaft habe mit Blick auf ein Aussageprotokoll des ehemaligen Gerolsteiner-Fahrers und überführten Dopingsünders Bernhard Kohl in diese Richtung nicht ausreichend ermittelt. Für die geplante Vernehmung von Schmidt am 30. April ließ sich der Arzt mit Verweis auf die Tätigkeit in der Praxis entschuldigen.

sid

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