Höfl-Riesch: "Bin viel gelassener geworden"

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Gut gelaunt und mit viel Schwung in die neue Saison: Maria Höfl-Riesch

Kitzbühel - Wer schon fast alles gewonnen hat, hat nur noch wenige Ziele - sollte man meinen. Warum Maria Höfl-Riesch dennoch nachwievor hungrig auf neue Erfolge ist, erklärt sie im Interview.

Wenn Maria Höfl-Riesch aus dem Büro-Fenster ihres Mannes Marcus in Kitzbühel blickt, kann die Skifahrerin den Zielhang der gefürchteten Streif sehen. In ihrer neuen Heimat spricht die 27 Jahre alten Doppel-Olympiasiegerin im Interview über ihre Selbstzweifel zu Beginn ihrer Karriere, ihre Ängste bei schlechter Sicht und ihre Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer. Die Weltcup-Saison geht mit den Rennen in Aspen (USA) am Samstag und Sonntag weiter.

Frau Höfl-Riesch, Sie haben fast alles im Rennsport gewonnen. Haben Sie noch Träume, die Sie im Skifahren verwirklichen wollen? Vielleicht zum Heli-Skiing in die Rocky Mountains fliegen?

Maria Höfl-Riesch: Nein, eigentlich nicht. Nach der Saison, wenn alles vorbei ist, fahre ich gerne noch mit meinem Mann ein, zwei Tage Ski - in Kitzbühel oder in Garmisch-Partenkirchen. Ansonsten bedeutet Skifahren für mich Rennen fahren.

Reizt Sie es wirklich nicht, aus dem Helikopter zu springen und die unberührte Natur hinunterzufahren?

Nein, das ist nichts für mich. Ich habe echt Respekt vor den Sachen, die da passieren können. Zum Beispiel vor den Lawinen. Ich fahre lieber auf gut präparierten und abgesperrten Pisten, obwohl man sich dabei auch das Bein brechen oder das Kreuzband reißen kann.

Skifahren ist für Sie Rennen fahren - ist Ihnen eigentlich noch die Begeisterung vom Anfang der Karriere geblieben? Oder hat sich der Skisport in alle den Jahren doch eher von der Berufung zum Beruf entwickelt?

Es ist in jedem Fall noch die gleiche Leidenschaft. Was sich aber verändert hat, ist das Bewusstsein, dass sich fast alle meine Träume erfüllt haben. Das ist natürlich ein tolles Gefühl. Ich bin viel gelassener geworden. Das Getriebensein, dieser Druck, dies und jenes noch gewinnen zu müssen - beides habe ich nicht mehr.

Wie war das damals bei Ihnen als Jugendliche? Haben Sie Ihre Vorbilder Maria Ertl, Katja Seizinger und Hilde Gerg bei Olympia in Nagano auf dem Podest gesehen und sich gesagt, da will ich auch mal oben stehen?

Ja schon. Aber ist es war auch so, dass ich mich gleichzeitig fragte: Puh, ob ich das irgendwann mal schaffen werde? Man setzt sich zwar das Ziel und tut alles dafür. Aber gedacht habe ich mir immer: Die Chancen, dass ich wirklich mal Olympiasiegerin werde, sind nicht unbedingt sehr groß!

Weshalb?

Ich weiß auch nicht. Wenn man neu in den Weltcup kommt und dann auch noch unter die ersten 15 fährt, denkt man: wow, super! Sieht man dann allerdings die anderen Läuferinnen, die ein Rennen nach dem anderen gewinnen, kommt schnell der Gedanke auf: So etwas kann ich nie schaffen.

War dann der erste Sieg das Schlüsselerlebnis, das Sie gegen Ihre Selbstzweifel gebraucht haben?

Ja, der war wichtig, besonders weil ich noch sehr jung war beim ersten Sieg in Haus, gerade mal 19 Jahre alt. Da habe ich gemerkt: So weit weg bin ich vielleicht doch nicht.

Sie haben Ihren Kindheitstraum dann in Vancouver mit den zwei Goldmedaillen erfüllt. Was Ihnen als einziges jetzt noch fehlt, ist ein Sieg im Riesenslalom. Wird es diese Saison endlich so weit sein?

Mal schauen. Ich traue es mir schon zu. Immerhin war ich zweimal Zweite bei einem Weltcuprennen, deshalb wäre es auch schön, nach einem Riesenslalom mal ganz oben zu stehen.

Warum hat es dann bisher noch nicht geklappt? Sie sind ja eine komplette Skifahrerin und fahren im Training zuweilen schneller als die dominierende Riesenslalomfahrerin der Welt, Viktoria Rebensburg.

Technisch fehlt mir auch nichts. Ich habe ja schon viele Rennen in meiner Karriere gewonnen. Doch irgendwie war der Riesenslalom lange Jahre meine schwächste Disziplin. Ich war ja nicht mal unter den besten 30 der Welt. Aber ich habe viel daran gearbeitet, bin besser geworden. Allerdings ist mir auch bewusst, dass ich keine Seriensiegerin in dieser Disziplin mehr werde.

Aber so ein Sieg würde Ihnen bestimmt viel bedeuten? Es gibt ja nicht viele Skifahrerinnen, die in alle fünf Disziplinen Siege aufweisen können.

Natürlich, da wäre ich schon sehr stolz darauf. Seit Sölden gibt es erst fünf Fahrerinnen, die das geschafft haben. Im Skizirkus ist das eine hohe Auszeichnung. Aber wenn es nicht klappen sollte, ist es auch kein Drama.

Lindsey Vonn ist dies zuletzt in Sölden gelungen. Auch Sie sind ein Gewinnertyp oder, wie Felix Neureuther es ausdrückt: ein richtiger Killer. Woher kommt Ihre mentale Stärke?

Ich würde eher sagen, ich bin ein Wettkampftyp, das war ich schon immer. Vielleicht habe ich das von meinem Vater, der als Hobbysportler im Tischtennis selbst verloren geglaubte Partien noch gedreht hat. Das Schlüsselerlebnis bei mir war ganz sicher die WM in Val d'Isere vor zwei Jahren, als alles gegen mich zu laufen schien, ich im letzten Rennen dann aber noch Gold im Slalom gewann. Daran hatte wohl kaum noch einer geglaubt. Daraus habe ich gelernt: Auch wenn es noch so ausweglos erscheint, musst du versuchen, ruhig zu bleiben und das Beste zu geben - und vor allem muss man seiner eigenen Stärke vertrauen.

Sie hatten also noch nie einen Mentaltrainer?

Doch, nach meinen schweren Verletzungen 2004 und 2005 habe ich mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet. Aber ich habe schnell gemerkt, dass bei mir weniger der Kopf das Problem war, sondern mir einfach nach der langen Pause die Zeit auf Skiern fehlte. Es ist ja klar, dass man nach einem Kreuzbandriss nicht einfach draufsteht und losfährt, als sei nichts gewesen.

Der Coach konnte Sie also nicht unterstützen?

Nein, irgendwann habe ich entschieden, dass ich mich da selbst rausboxen muss. Einfach wieder fahren und Vertrauen in mein Können kriegen. Allerdings wird man vorsichtiger und geht nicht mehr um jeden Preis das allerletzte Risiko ein. Es kann jetzt halt mal vorkommen, dass ich bei schlechter Sicht mit einer Art Handbremse fahre und Achte werde. Aber das ist immer noch besser, als sich wieder schwer zu verletzen. Bei guten Bedingungen ist das alles sowieso kein Problem.

Sie sprechen zurzeit viel von Ihrer neu gewonnenen Gelassenheit. Wie drückt die sich beispielsweise nach dem 24. Platz beim Weltcupauftakt in Sölden aus? Ärgern Sie sich nicht mehr über ein missratenes Rennen?

Natürlich war ich verärgert. Das muss ja auch so sein, wenn man sich viel vornimmt und dann geht's daneben. Da bin ich im ersten Moment genauso enttäuscht wie zu Beginn meiner Karriere mit achtzehn oder neunzehn Jahren. Ich kann das Resultat aber inzwischen schneller abhaken.

Macht man sich in jüngeren Jahren abhängiger von den Ergebnissen?

Ja, da ist man noch wankelmütiger und reagiert extremer, in beide Richtungen: zu euphorisch im Erfolgsfall, zu bedrückt nach einer Niederlage. Das ist bei mir jetzt nicht mehr so

dapd

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