Gold-Serie gerissen

Dressur-Silber für den toten Trainer

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London - Die goldene Serie ist gerissen, doch die deutschen Dressurreiterinnen feiern ihre Silbermedaille wie einen Olympiasieg. Die Gedanken sind bei ihrem toten Trainer.

Mit der Medaille um den Hals einte Deutschlands silberne Dressurreiterinnen der Gedanke an ihren toten Trainer Horst Schmezer und das sichere Gefühl, dass er irgendwie dabei war. „Er kriegt das bestimmt mit. Er ist zwar nicht hier, aber wir vergessen ihn nicht. Er schaut von oben zu“, sagte Helen Langehanenberg, die mit einem soliden Ritt zum Abschluss Platz zwei in der Mannschaftswertung hinter Olympia-Gastgeber Großbritannien gesichert hatte. Bundestrainer Schmezer war am 19. April in einem Hotelzimmer in 's-Hertogenbosch einem Herzinfarkt erlegen.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

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Und so war die Silbermedaille, die Gold wert war, für Langehanenberg, Youngster Kristina Sprehe und Dorothee Schneider ein stiller Triumph. Einer im Gedenken an einen Freund und Berater, der ihnen mit seiner ruhigen Art die Erfolgsspur gezeigt hatte, auf der sie sein Nachfolger Jonny Hilberath im Greenwich Park nun ans silberne Ziel geführt hatte.

Hilberath, für den die vergangenen Tage „sehr emotional“ waren, platzte nach dem Erfolg fast vor Stolz: „Es war kaum zu erwarten, was die Mädels hier abgeliefert haben. Mehr war nicht drin“, sagte er.

Vor 23.000 begeisterten Zuschauern im Greenwich Park ritten die deutsche Meisterin Langehanenberg (Havixbeck), Kristina Sprehe (Dinklage) und Dorothee Schneider (Framersheim) im Grand Prix Special wie entfesselt. „Wir haben natürlich ein bisschen von Gold geträumt“, gab Hilberath ehrlich zu. An der bärenstarken britischen Equipe führte trotz hervorragender Leistungen aber kein Weg vorbei.

„Deshalb haben wir Silber gewonnen und nicht Gold verloren“, stellte der Dressurausschuss-Vorsitzende Klaus Roeser umgehend fest. Immerhin ließ das Trio unter anderem die Niederländer hinter sich, die mit der dreimaligen Olympia-Siegerin Anky van Grunsven und Weltrekordler Edward Gal durchaus gut besetzt sind.

Vor ihrem finalen Ritt wirkte Langehanenberg noch angespannt, auch die Prüfung ließ den Glanz und die Lockerheit vergangener Auftritte vermissen. Am Ende hatten die kleinen Schwächen bei den Piaffen aber keine Auswirkung mehr auf den Ausgang, die 78,937 Punkte reichten am Ende zur Silbermedaille.

An zweiter Stelle hatte im Nieselregen von London zuvor auch Sprehe mit Desperados gepatzt. Das Duo, seit Wochen in bestechender Form, leistete sich in seiner Prüfung einige Wackler - den auffälligsten, als der Hengst während der Passage einen großen Satz nach vorn machte. Entsprechend geknickt kommentierte die 25-Jährige den mit 76,254 Punkten bewerteten Auftritt. „Über den Fehler habe ich mich sehr geärgert. Desperados war heute etwas nervöser“, meinte Sprehe.

Schon beim Einreiten ins Stadion hatte zuvor Schneider gestrahlt, und nach einem ausbalancierten und erneut überzeugenden Ritt war der Bundestrainer zu Scherzen aufgelegt gewesen. „Felsmassiv, plumps“, beschrieb Jonny Hilberath die von ihm gefallene Last, „auch ich hätte das nicht besser machen können.“

Mit sehr sanften Befehlen aus dem Handgelenk dirigierte die 43-Jährige ihre Stute zielsicher durch das Viereck, auch die Piaffen gelangen noch einen Tick besser als im Grand Prix, in dem das Pferd nicht immer auf der Stelle trabte. „Ich bin super zufrieden, Diva war heute konzentrierter“, sagte Schneider danach. Allerdings habe sie sich etwas mehr als die 77,571 Punkte erhofft.

Dass die deutsche Mannschaft mit ihrem Wunderhengst Totilas die Goldmedaille quasi sicher gehabt hätte, hielt Roeser für reine Spekulation. „Auch er müsste hier erstmal reiten. Klar könnten wir jedes Paar, das über 80 Prozent reitet, gut gebrauchen. Aber das ist alles hypothetisch“, erklärte Roeser.

sid

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