Wutrede gegen die eigenen Fans

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Oleg Blochin

Donezk - Das Gewittertief über Donezk hatte sich längst verzogen, als Oleg Blochin sein Donnerwetter losließ. Der Ukraine-Coach zeterte gegen die eigenen Fans.

Der Nationaltrainer des EM-Gastgebers Ukraine polterte nach dem 0:2 (0: 0) gegen Frankreich los, kritisierte seine Mannschaft und war erst recht auf die 49.000 Zuschauer in der Donbass Arena nicht gut zu sprechen, die sein Team mit einem gellenden Pfeifkonzert verabschiedet hatten.

„Das ist doch nicht fair. Ich habe die irischen Fans gesehen, die haben ihre Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute angefeuert, obwohl sie ausscheiden werden. Alles ist gut, wenn wir gewinnen wie gegen Schweden. Wenn es schlecht läuft, würden sie am liebsten jeden erschießen“, raunzte der Ex-Nationalspieler. „Ich bin auch nicht glücklich über die Niederlage, aber was soll ich machen. Oder soll ich tanzen?“, blaffte Blochin.

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„Seht her“, legte Blochin nach, „ich bin der Verantwortliche. Pfeift mich aus und nicht die Spieler. Die haben ihr Bestes gegeben. ` Dass das an diesem turbulenten Abend mit einer 57-minütigen Unterbrechung wegen eines heftigen Gewitters mit sintflutartigem Regen nicht genug war, war für jeden offensichtlich. Denn man habe gegen eine der weltbesten Nationalmannschaften und einen der Favoriten der EM verloren, sagte der 59-Jährige. Das 2:1 gegen Schweden zum Auftakt habe anscheinend Erwartungen geweckt, die überirdisch seien.

So sahen es am Tag danach auch die ukrainischen Zeitungen. `Gegen eine der gefährlichsten Mannschaften Europas hatte es die Ukraine schwer. Ein Sieg wäre hier schon einem Wunder gleichgekommen“, schrieb Komsomolskaïa Prawda, und Lb.ua. kommentierte: „Das war eine schallende Ohrfeige der Franzosen. Die Niederlage war verdient. Die Ukrainer haben ihre Moral verloren.“

Und genau das war der Punkt, an dem die Kritik von Blochin an seiner Mannschaft ansetzte. „Einige haben gedacht, sie seien schon im Viertelfinale. Das ist hier eine EM und nicht die ukrainische Liga, das ist hier ein anderes Niveau“, sagte der Coach. Und Blochin spricht immerhin mit der Erfahrung aus 101 Länderspielen für die einstige UdSSR und einigen Turnier-Teilnahmen.

Dass die „Sbirna“ nach dem Doppelschlag mit den Treffern von Jeremy Menez (53.) und Yohan Cabaye (56.) aufgehört habe, Fußball zu spielen, wurmte Blochin gewaltig. Zuvor hatte sie ihre technischen und spielerischen Defizite mit Leidenschaft und Kampfgeist nahezu ausgeglichen, aber die Konzentration nicht konservieren können. Zwei Blackouts in der Defensive eröffneten den schnell kombinierenden Franzosen die Lücken zum Sieg.

Danach reagierte der Gastgeber so schockiert wie die fast ausschließlich ukrainischen Zuschauer. Doch als sich die Gelb-Blauen noch einmal aufmachten, zumindest das Resultat zu verbessern, hatten die Fans ihre Mannschaft schon lange aufgegeben und begleiteten jede misslungene Aktion in der Schlussphase mit Pfiffen.

Offenbar liegt ein Fluch über den Auftritten der Ukraine in Donezk. Auch im sechsten Länderspiel in der hochmodernen „Fünf-Sterne-Arena“ gelang kein Sieg. „Und gegen England wird es nicht leichter“, warnte Blochin bereits im Vorfeld des „Endspiels“ am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) gegen England. Nur ein Dreier und der Einzug ins Viertelfinale könnten Blochin und die Fans wieder versöhnen.

sid

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