Wenn Statistiken Fußballer bloßstellen

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Lukas Podolskis Leistungsdaten dürfen auch in Zukunft öffentlich gemacht werden.

Hamburg - "Lukas Podolski war lauffaulster Spieler der Partie". Analysen wie diese sorgten zu Saisonbeginn für Aufsehen in der Bundesliga. Doch der Ärger hat sich mittlerweile gelegt, die Fans dürfen sich auf weitere Statistiken dieser Art freuen.

Statistiken und hübsch aufbereitete Grafiken werden im Sport immer wichtiger, da folgt der deutsche Fußball den zahlenverliebten USA. So lange keine Betriebsgeheimnisse verraten werden, haben Trainer und Manager der Bundesliga auch nichts dagegen. Wenn über einer Tabelle allerdings “Die 10 faulsten Spieler der Liga“ steht, hört das Verständnis auf.

Solche Ranglisten sind seit Beginn dieser Saison möglich, seit nämlich der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) beauftragte Dienstleister Impire sein Material nicht nur Klubs und DFL, sondern auch Medien anbieten darf. So kam es, dass der Kölner Volksheld Lukas Podolski direkt nach dem ersten Spieltag offiziell als lauffaulster Spieler bezeichnet werden konnte, worüber sich Sportdirektor Volker Finke mit Recht echauffierte. Auch Horst Heldt, Manager vom FC Schalke 04, kritisierte die Weitergabe der Daten, die Manager der Liga bildeten eine Arbeitsgruppe zu dem heiklen Thema.

Hieronymus fordert Verantwortung beim Umgang

Am Dienstag teilte die DFL nun das Einlenken der besorgten Manager mit: Die Münchner Impire AG darf die von ihr ermittelten Spieldaten und Leistungswerte aus der Bundesliga weiter frei vermarkten. DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus mahnt aber einen “verantwortungsvollen Umgang“ der Medien mit den Zahlen an. Impire seinerseits will den “Dialog mit unseren Vertragspartnern intensivieren“.

Die Datensammlung und auch ihre Veröffentlichung zu stoppen, wäre auch ein sehr unzeitgemäßes Signal gewesen. Denn den Bundesliga-Trainern genügt die obligatorische Video-Analyse schon lange nicht mehr. Das Tracking-System von Impire verfolgt Laufwege von Spielern mit Spezialkameras und liefert im Zusammenspiel mit Computer-Software Auswertungen, die den bloßen Augenschein ergänzen. Leistungszeugnisse, die auf Kilometern, Ballkontakten und Spitzengeschwindigkeiten beruhen, müssen aber - wie auch Impire stets betont - analysiert werden, um Aussagekraft zu gewinnen. “Spieldaten bilden in der heutigen Zeit auch im internationalen Maßstab eine unverzichtbare Arbeitsgrundlage für die sportliche Leitung in den Klubs und bieten gleichzeitig einen Mehrwert für die Öffentlichkeit“, erklärte Hieronymus.

Dieser “Mehrwert“ wurde viel diskutiert, als etwa Borussia Dortmund im fulminanten Liga-Auftaktspiel gegen den Hamburger SV rund 120 Kilometer zurücklegte, während es der HSV in der Summe nur auf 110 Kilometer brachte. Jürgen Klopps fitte Jünglinge hatten somit virtuell einen Spieler - oder wenigstens dessen Laufleistung - mehr auf dem Platz. Das entsprach dem Augenschein, nach dem Dortmund schon in der Meistersaison stets flinker unterwegs war und die allseits erstrebte Überzahl in Ballnähe so regelmäßig herstellte, dass es oft nach gefühlter Überzahl aussah. Klopp selbst, der unterstützende Informationen nie verschmäht, wies aber darauf hin, dass solche Werte natürlich von Spielsystemen und weiteren Faktoren abhängen.

Aussagekraft der Statistiken ist umstritten

Fragt man Professor Jürgen Freiwald, Konditionstrainer bei Hannover 96 und Sportwissenschaftler an der Uni Wuppertal, werden die Statistiken generell überschätzt. “Das ist sicherlich ganz nett, aber vor allem für den Zuschauer interessant“, sagt Freiwald. “Die Trainer setzen vor allem auf Videoanalysen.“ Im Übrigen gewännen nicht immer die Vereine, die am meisten laufen würden. “Es ist eine Legende, dass Fußball ein Ausdauersport ist“, sagt Freiwald.

Auch räumt er mit einem weitverbreiteten Mythos auf: “Seit den späten 70er-Jahren hat sich die Laufstrecke nicht verändert. Das wurde wissenschaftlich nachgewiesen“, sagt Freiwald. Zwar sei das Spiel heute deutlich intensiver, dafür aber in einem engeren Raum. “Früher war das Spielfeld 80 Meter lang, von Libero bis Libero gerechnet“, erläutert Freiwald. Heute, zwischen zwei weit vorgeschobenen Abwehrketten, seien es nur noch 35 bis 40 Meter. Freiwald: “Man könnte sagen, es ist ein sich verschiebendes Kleinfeld.“

dapd

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