EM-Start: Hunde-Kadaver immer noch da

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Aktivistinnen machen auf die Hundetötungen in der Ukraine aufmerksam

Kiew - Das Bild in den ukrainischen Straßen hat sich vor dem EM-Start auf den ersten Blick ein wenig gewandelt. Außerhalb der Städte aber stoßen die Tierschützer nach wie vor auf Berge von Hundekadavern.

Die Männer in den hellblauen T-Shirts streifen durch die Straßen von Kiew, im Schritttempo begleitet sie ein weißer Kastenwagen. Es sind aber keine Hundefänger auf tödlicher Mission, und es ist auch kein mobiles Krematorium, in dem die Tiere in den vergangenen Monaten zu Tausenden bei lebendigem Leib entsorgt wurden. In diesem Fall handelt es sich um Tierärzte der europaweit operierenden Organisation „Vier Pfoten“, die das von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Programm „Neuter and Release“ (sterilisieren und freilassen) in die Tat umsetzen.

Diese Stars ziehen sich für Tiere aus

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Dr. Cornel Stonescu ist einer dieser Tierärzte, er arbeitet mit der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Kiew zusammen. Wie am Fließband werden dort die Hunde sterilisiert, die „Vier Pfoten“ von der Straße sammelt. „Es ist am besten, wenn man sie einfach mit bloßen Händen einfängt“, sagt Stonescu: „Die Hunde sind nicht aggressiv, sie sind voller Angst und freuen sich über jede menschliche Zuwendung.“ In Härtefällen kommt ein Narkosepfeil aus einem Blasrohr zum Einsatz, nach ein paar Tagen werden die Tiere dann wieder am alten Platz ausgesetzt. Die EM-Schauplätze Donezk, Charkow und Lwiw folgen dem Beispiel Kiew.

Zehn Euro kostet eine Sterilisation, deutlich weniger als die 25 Euro, die die Behörden noch bis vor kurzem offiziell als „Kopfprämie“ für jeden toten Hund zahlten. Damit wollte man der überbordenden Massenpopulation in den Städten und Gemeinden auf dem Weg zur Fußball-Europameisterschaft Herr werden. Die Hundefänger waren mit ihren Methoden nicht gerade zimperlich. Trächtigen Hündinnen wurden die Welpen aus dem Leib geschnitten, die zuckenden Hundeleiber in einer Strichliste erfasst und ins Feuer geworfen. Andere wurden vergiftet, erschossen, erschlagen und am Straßenrand liegen gelassen.

Das ist angeblich nach wie vor so, wenn auch nicht mehr offiziell. Die Tierschutzorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) berichtete nach ihrer Inspektionsreise durch die Ukraine Ende April von Kadaverbergen und tierischen Massengräbern im Hinterland. „Keines dieser Tiere war eines natürlichen Todes gestorben“, berichtete Peta-Mitarbeiter Cadel Patridge: „Wir haben aufgeschlitzte Leiber, zerschmetterte Schädel, noch lebende Tiere mit Blut und Schaum an der Schnauze gefunden. Das Töten geht munter weiter.“

Viel Prominenz hat sich in den Dienst von PETA gestellt und an den Kampagnen der Tierschützer teilgenommen. Jürgen Klopp, Trainer des deutschen Meisters und Pokalsiegers Borussia Dortmund, ließ sich ebenso mit einem Transparent von PETA ablichten wie sein Vereinskollege Lars Ricken, die Klitschko-Brüder oder einige Frauen und Freundinnen der deutschen Nationalspieler. „EM 2012: Ja! Hundetötungen: Nein!“ steht in großen roten Lettern auf dem Plakat, das Klopp und seine Mitstreiter in die Kamera halten.

Nach Mahnwachen und Schweigemärschen in europäischen Metropolen wie Berlin, Wien und Zürich, dem via Facebook organisierten Aufschrei von einer halben Million Menschen auf dem Internetportal thepetitionsite.com und einem offenen Brief von Frankreichs prominentester Tierschützerin Brigitte Bardot an den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch gab es im November 2011 eine Reaktion. Der ukrainische Ministerpräsident Nikolai Asamow wies die Städte und Kommunen des Landes an, die Tötungsaktionen zu beenden und Tierquäler hart zu bestrafen. Darüber aber kann sicher nicht nur PETA-Mann Partridge allenfalls müde lächeln.

sid

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