Rücktrittsgedanken "unpassend"

Löw nimmt Schuld auf sich

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Jogi Löw hat auf der Rückreise der deutschen Nationalmannschaft die Verantwortung für die Niederlage gegen Italien Übernommen

Frankfurt- Bundestrainer Joachim Löw hat Fragen nach Rücktrittsgedanken als „unpassend“ bezeichnet und die Schuld am Scheitern der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf sich genommen.

Joachim Löw stand zwischen Reihe 34 und 35 des Airbus A-321, hoch über den Wolken beantwortete er alle Fragen. Ein einziges Mal war auf sein Bauchgefühl kein Verlass gewesen - und urplötzlich stand der bislang unantastbare Bundestrainer im Kreuzfeuer der Kritik. Beim Aufstellungspoker hatte er sich gegen den Taktik-Weltmeister Italien verzockt, die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Wir haben uns mit unserer Aufstellung selbst geschlagen. Das war ein Eigentor von Löw“, sagte Bernard Dietz, Kapitän der deutschen Europameister-Elf 1980, der Bild-Zeitung und stellte sich damit an die Spitze der Kritiker.

Löw nahm die Schuld am Scheitern im EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) bereitwillig auf sich. „Ich übernehme für die Niederlage die Verantwortung“, sagte er auf dem Rückflug von Warschau nach Frankfurt/Main, „das muss man als Trainer machen.“ Er betonte, man dürfe „jetzt nicht alles infrage stellen“, und Fragen nach Rücktrittsgedanken bezeichnete er als „unpassend“. Daran könne man denken, „wenn man in der Vorrunde ausgeschieden“ sei.

Seine umstrittenen Rochaden verteidigte Löw. „Im Nachhinein kann man immer sagen, man hätte dieses und jenes anders machen können“, sagte der Bundestrainer, der beim K.o. wieder auf Mario Gomez und Lukas Podolski sowie erstmals auf Toni Kroos gesetzt hatte. Der erneuten Umstellung waren Marco Reus, Miroslav Klose und Andre Schürrle, die beim 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland für viel Schwung gesorgt hatten, zum Opfer gefallen.

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Der Tag danach: Schwerer Abschied, herzlicher Empfang

Gomez habe in der Vorrunde drei Tore geschossen „und war nach dem Griechenland-Spiel sehr motiviert, weil er nicht von Beginn an gespielt hat“, sagte Löw. Kroos habe er „zusätzlich an zentraler Stelle im Mittelfeld“ haben wollen, um dort Daniele De Rossi und vor allem Andrea Pirlo aus dem Spiel zu nehmen. Löws Rotation, die gegen die Griechen noch in den höchsten Tönen gelobt worden war, blieb diesmal für viele nicht nachvollziehbar.

„Diesmal hat er mit Gomez und Podolski die Falschen aus dem Zylinder gezogen. Die Umstellungen gegenüber dem Viertelfinale gegen Griechenland sind nur schwer zu verstehen“, sagte der Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher im ZDF-Morgenmagazin.

Aus der Bundesliga erhielt Löw allerdings Unterstützung. Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen verteidigte den DFB-Chefcoach. „Ich schließe mich zu 100 Prozent der journalistischen Meinung der letzten Tage an: Joachim Löw hat ein großartiges Bauchgefühl und ist ein wunderbarer Trainer“, sagte er dem SID, „und ich ändere meine Meinung nicht von einem auf den anderen Tag.“

Kritische Worte fand indes der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack. „Das ist ein wirklich gutes Team, aber es gab zu viele Wechsel in den letzten zwei, drei Spielen“, sagte der Ex-Capitano als EM-Experte beim US-Sportsender ESPN: „Wenn du 18, 20 wirklich gute Spieler hast, ist das ein Luxusproblem. Das gab es in den Jahren zuvor nicht. Aber das heißt auch nicht, dass man alle spielen lassen muss.“ Über Löw, der ihn nach der WM 2010 ausgebootet hatte, sagte Ballack: „Ich denke, es wird Fragen geben über ihn und seine Entscheidungen, sein Coaching und seine Wechsel während dieses Turniers.“

Zu diesen Fragen wollte sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vom deutschen Meister Borussia Dortmund nicht äußern. „Es ist das Privileg des Trainers, die Mannschaft aufzustellen“, sagte Watzke dem SID, er wolle Löw nicht kritisieren. Allerdings gab er zu: „Es war schon überraschend.“

Der 53-Jährige hatte das EM-Aus in Warschau auf der Tribüne erlebt. „Es ist sehr enttäuschend, aber kein Weltuntergang. Wir müssen jetzt nicht in Sack und Asche gehen“, sagte er. Die Mannschaft habe nicht ihr ganzes Leistungsvermögen abgerufen. „Wir haben die PS, die wir haben, nicht auf die Strecke gebracht. Wir haben nicht am Limit gespielt, das muss man, wenn man gegen diese Italiener mit ihrer Coolness und Cleverness gewinnen will.“

Ähnlich sah es auch Franz Beckenbauer. „Das war nicht die wahre deutsche Elf dieser EM. Sie wirkte phasenweise regelrecht leblos“, schrieb der Weltmeister-Kapitän von 1974 und Weltmeister-Teamchef von 1990 in seiner Bild-Kolumne über die enttäuschende erste Halbzeit.

SID

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