Viertes Turnier als Bundestrainer

Trotz Vertrag bis 2016: Löw am Scheideweg

+
Joachim Löws Zukunft ist zwar vertraglich geklärt, doch je nach Verlauf der WM könnte sich diese auch ändern. 

Santo André - Joachim Löw geht am Montag in sein viertes Turnier als Bundestrainer. Sollte er erneut den Titel verpassen, würde seine Position trotz laufenden Vertrages bis 2016 infrage gestellt.

Joachim Löw ist früh aus den Federn. Bereits um 5.30 Uhr joggt der Bundestrainer am Atlantikstrand, erfreut sich an der schönen Natur und der aufgehenden Sonne. „Da denke ich nicht an Cristiano Ronaldo, sondern bekomme den Kopf frei. Das ist ein guter Start in den Tag“, berichtete der 54-Jährige von seinem täglichen Ritual im WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft im idyllischen Santo Andre.

Ob die Gedanken von Löw in den frühen Morgenstunden tatsächlich nur um die schönen Dinge des Lebens kreisen, oder ob er nicht doch die ein oder Minute über seine Zukunft nachdenkt, verrät er nicht. Denn trotz seines laufenden Vertrages bis 2016 rätselt Fußball-Deutschland, wie es nach der WM mit dem früheren Assistenten von Jürgen Klinsmann weitergeht.

Reicht Löw schon das Achtelfinale als Erfolg?

Der Bundestrainer selbst hat einigermaßen klare Vorstellungen, wie hoch er sich selbst die Messlatte legt. „Ich bin davon überzeugt, dass wir die Vorrunde überstehen werden, und ich bin genauso davon überzeugt, meinen Vertrag bis 2016 zu erfüllen. Sowohl der Verband als auch ich wollen die Zusammenarbeit fortsetzen. Das ist unser gemeinsames Ziel“, sagte der 54-Jährige der Sport Bild. Dass hieße konkret, selbst das Erreichen des Achtelfinales würde der Freiburger als Erfolg bewerten.

Für Wolfgang Niersbach sind solche Diskussionen kurz vor dem Auftaktspiel der DFB-Auswahl am Montag gegen Portugal (18.00 Uhr MESZ/ARD) ohnehin völlig überflüssig. „Wir haben den Vertrag mit Joachim Löw mit der klaren Absicht verlängert, dass er bis 2016 bleibt. Unsere Mannschaft hat nach wie vor eine glänzende Perspektive, gerade auch für die EURO 2016“, sagte der DFB-Präsident.

Der Verbandschef bekräftigt, dass es keinen Notfallplan gibt. Eine Situation wie 2004, als der DFB nach dem Vorrunden-Aus bei der EM in Portugal und dem folgenden Rücktritt von Teamchef Rudi Völler im Chaos versank und erst nach wochenlangem Suchen Jürgen Klinsmann aus dem Hut zauberte, schließt Niersbach aus.

Niersbach dementiert Gerüchte um Nachfolgekandidaten

Gerüchte, dass der beim 1. FSV Mainz vorzeitig ausgeschiedene Thomas Tuchel (40) für den Notfall Gewehr bei Fuß steht, werden von Verbandsseite nicht kommentiert. Ebenso wenig angebliche Kontakte zu BVB-Erfolgstrainer Jürgen Klopp (46), den man wenn überhaupt aus seinem bis 2018 datierten Vertrag bei Dortmund für viel Geld herauskaufen müsste.

Niersbach will von solchen Gedankenspielen aber nichts wissen und verweist solche Gerüchte ins Reich der Fabel. Auch wenn Löw bei seinem vierten Turnier nicht den Titel gewinnen sollte, glaubt der 63-Jährige an Löw, der offenbar auch ohne Titel von seiner Arbeit überzeugt ist: „Egal, was uns die WM bringen wird: In den vergangenen acht Jahren als Bundestrainer habe ich bei der Nationalmannschaft viele Fortschritte gesehen. Ich sehe schon auch die Entwicklung der Mannschaft und die einzelner Spieler.“ Für ihn fehlen nur Nuancen, um den ganz großen Coup zu landen und seine persönliche Arbeit beim dreimaligen Welt- und Europameister seit 2004 zu krönen.

„Mit Spanien sind wir über Jahre die einzige Konstante im Weltfußball. Fußballerisch haben wir den Fans viel Freude bereitet. Das Ausland bewundert uns“, sagte er und lässt damit durchblicken, dass er im eigenen Land seine Verdienste um den deutschen Fußball nicht ausreichend gewürdigt sieht.

Das ist Jogi Löws 23-Mann-Kader für die WM

Das ist Jogi Löws 23-Mann-Kader für die WM

Das gilt vor allem für die Zeit nach dem Halbfinal-K.o. bei der EURO 2012. Nach dem 1:2 gegen Italien flog er mit Augenringen und Sorgenfalten gen Heimat und liebäugelte nach der heftigen Kritik an seiner Aufstellung und damit auch an seiner Person kurzfristig damit, alles hinzuschmeißen.

Denn die 2004 unter seiner und Klinsmanns Federführung eingeführten Reformen, die damals den DFB in seinen Grundfesten erschütterten, blieben bislang ohne die ganz große Wirkung. Unter dem Strich herrschte nach den drei Turnieren unter dem Chef Löw große Ernüchterung statt Partystimmung. Sollte es am Zuckerhut erneut nicht zum ersten großen Titel für Deutschland seit 1996 reichen, wird der Kredit von Löw aufgebraucht sein - Vertrag hin oder her.

sid

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare