Am Tag vor der Mega-Panne

Platini: Man braucht keine Tor-Technik

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John Terry klärte den Ball erst hinter der Linie

Donezk/Warschau - Eine fatale Fehlentscheidung des zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten hat den EM-Gastgeber Ukraine um ein mögliches Viertelfinale gebracht. Für die UEFA ist es ein herber Rückschlag.

Ein Schuss, ein Tor, aber kein Treffer. Dabei hätte Istvan Vad in der 62. Minute im Spiel zwischen der Ukraine und England (0:1) nicht besser stehen können. Doch der „Vogel an der Torlinie“, wie ihn die englische Zeitung „The Sun“ am Mittwoch nannte, zwitscherte Schiedsrichter Viktor Kassai nicht, dass der abgefälschte Schuss von Marko Devic hinter der Linie geklärt wurde.

„Da stellt sich die Frage nach der Berechtigung des Torrichters, denn er soll ja entscheiden: Ball im Tor? Ja oder nein?“, sagte Lutz Wagner, Schiedsrichter-Lehrwart im Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem SID.

Doch was die Fernsehbilder eindeutig belegten - Englands John Terry klärte, als der Ball in vollem Umfang hinter der Linie war -, sah Vad erstaunlicherweise nicht. Und so sorgte der Ungar nicht nur für das Aus von Landsmann Kassai bei der Europameisterschaft, die UEFA nominierte den Referee nicht mehr für die K.o-Runde, sondern entfachte mit seinem „Torklau“ auch die Diskussion über die Einführung einer Torlinientechnik aufs Neue.

„Ein glasklares Tor wurde nicht gegeben, weil ein Signal aus dem Ball nicht vorhanden, der Blick auf den Monitor nicht gestattet, technische Hilfsmittel zur Erkennung eines Treffers nicht vorhanden“ sind, schrieb Felix Magath auf seinem Facebook-Profil. Der Trainer des VfL Wolfsburg forderte: „Es ist Zeit zu handeln! Her mit der Tortechnologie!“ Die „Lotterie menschlicher Fehlbarkeit“ müsse beendet werden. Und FIFA-Präsident Joseph S. Blatter twitterte: „Nach dem Spiel letzte Nacht ist Torlinientechnik keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit. `

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Tatsächlich wollen die Regelhüter des International Football Association Boards (IFAB) am 5. Juli in Zürich grundsätzlich darüber entscheiden, ob künftig technische Hilfsmittel im Fußball zum Einsatz kommen sollen. Und es gilt als wahrscheinlich, dass das Gremium 46 Jahre nach dem berühmten Wembley-Tor Hightech zulassen wird. Nach jahrelangen Tests haben sich zwei Systeme durchgesetzt, die zuverlässig anzeigen sollen, ob der Ball die Torlinie mit vollem Durchmesser überschritten hat: Der Chip im Ball (`GoalRef“) und die Torkamera (wie das aus dem Tennis bekannte „Hawkeye“). Geht es nach der FIFA, soll im Falle einer positiven Grundsatzentscheidung eines der beiden Systeme bereits bei der WM 2014 zum Einsatz kommen.

Wagner fordert schon seit Jahren technische Unterstützung für die Schiedsrichter - vorausgesetzt, sie funktioniert 100-prozentig. „Drin oder nicht drin, das kann die Technik einfach besser entscheiden als das menschliche Auge, das immer auch fehlerbehaftet ist“, sagte er.

Auch die deutschen Nationalspieler Sami Khedira und Thomas Müller haben sich für die Einführung von Hilfsmitteln ausgesprochen. „Sie sind wichtig und richtig. Aus Sicht des Fans ist es schön, über so etwas zu diskutieren. Für die Spieler ist es aber sehr bitter, wenn solche Fehler passieren“, sagte WM-Torschützenkönig Müller im DFB-Quartier in Danzig. Khedira fügte hinzu: „Technische Hilfsmittel würden uns definitiv nicht schaden.“

UEFA-Präsident Michel Platini hatte sich zuletzt immer wieder positiv über die Einführung der Torrichter geäußert und gegen eine technische Lösung ausgesprochen. „Man braucht solche Systeme nicht - Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball“, sagte Platini am Montag und meinte, dass der bei der WM 2010 nicht gegebene Treffer von Frank Lampard im Spiel gegen Deutschland mit einem Torrichter auf alle Fälle erkannt worden wäre. Ohnehin sei es „das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen bisher“.

Dabei hatte auch der deutsche Torrichter Florian Meyer im entscheidenden Moment versagt und seinem Chef Wolfgang Stark ein Foul im Strafraum von Sergio Ramos an Mario Mandzukic im Spiel Spanien gegen Kroatien nicht gemeldet. Die Ukraine wie auch Kroatien mussten nach der Vorrunde ihre Koffer packen.

Oleg Blochin ließ keinen Zweifel daran, dass seine Mannschaft betrogen wurde. „Was soll ich dazu sagen. Wir haben inzwischen fünf Schiedsrichter auf dem Feld, und der Ball war 50 Zentimeter hinter der Torlinie“, schimpfte der ukrainische Nationaltrainer. Selbst den Engländern war es wohl ein bisschen peinlich, dass der Treffer nicht gegeben wurde. Die Daily Mail schrieb: „Englands zärtliche Umarmung mit der Göttin des Glücks.“

sid

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