Zwanziger: "Keinen Uli Hoeneß bei den Frauen"

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Theo Zwanziger.

Frankfurt/Main - DFB-Chef Theo Zwanziger lobt im Interview Deutschland als hervorragenden Gastgeber der Frauen-WM, sieht aber auch einige Probleme.

Herr Zwanziger, die Frauenfußball-WM ist zu Ende. Was brennt Ihnen nach der Endrunde auf dem Herzen?

Theo Zwanziger: „Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass wir ein tolles Turnier erleben durften, das die Menschen in seinen Bann gezogen hat. Wenn ich mir die Begeisterung in den Stadien, die hohen Einschaltquoten und den Imagegewinn für den Frauenfußball anschaue, dann war es schon ein Sommermärchen. Deutschland hat sich als hervorragender Gastgeber präsentiert. Es sind aber auch ein paar Dinge passiert, die mir nicht gefallen haben.“

Was meinen Sie konkret?

Zwanziger: „Was mir überhaupt nicht gefallen hat, war die Kritik von wichtigen Persönlichkeiten aus der Frauen-Bundesliga nach dem Viertelfinal-Aus unserer Mannschaft an Bundestrainerin Silvia Neid. Das hat mir deshalb nicht gefallen, weil man eine Weiterentwicklung der Frauen-Bundesliga nur gemeinsam leisten kann. Es macht überhaupt keinen Sinn, einer äußerst erfolgreichen Trainerin, die ihr Ziel nicht erreicht hat und darüber selbst am meisten enttäuscht ist, etwas nachzuwerfen.“

Wen haben Sie vor allem im Visier?

Zwanziger: „Ich bin besonders enttäuscht von meinem Freund Bernd Schröder. Ich weiß nicht, was es für einen Sinn macht, wenn ein erfolgreicher Trainer sich in Zeitungen auf eine derartige journalistische Laufbahn begeben muss. Mir hat ein Satz von ihm besonders weh getan, wo er sagt, dass Neid der Trainertyp wäre, der die Mädels untereinander ausspielt. So etwas geht nicht. Ich kann solche Aussagen von Bernd Schröder nicht verstehen und nicht einfach so stehen lassen.“

Sie sehen Neid offensichtlich anders.

Zwanziger: „Selbstverständlich. Ich habe von Silvia Neid einen ganz anderen Eindruck. Sie ist in ihrer Arbeit ausschließlich an der Leistung orientiert. Und es gefällt manchen offenbar nicht, wenn ihre eigenen Schützlinge in diesem Wettbewerb mal zweiter Sieger sind.“ 

Wie sieht es hinsichtlich der Diskussion um Birgit Prinz aus? Hat Neid auch da Ihre Rückendeckung?

Zwanziger: „Silvia Neid hat alles für Birgit Prinz getan und mich sogar gebeten, nochmal mit ihr zu sprechen. Es war also ihr Wunsch, Birgit zu helfen und sie für dieses Turnier wieder als wichtige Spielerin zu gewinnen. Ich habe Birgit Mut zugesprochen und ich hatte das Gefühl, dass ich Birgit aufgebaut habe. Aber ihre klare Ansage war, dass sie das dritte Spiel nicht machen kann.“

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Prinz spielt beim 1. FFC Frankfurt. Auch aus dieser Richtung kam Kritik an Neid.

Zwanziger: „Auch da verstehe ich nicht, dass Manager Siegfried Dietrich, für den ich im Zuge des Turniers alles getan habe und den ich als höchsten Repräsentanten der Bundesliga entsprechend behandelt und platziert habe, über Birgit Prinz diese Dinge hinterfragt. Das Nachkarten ist doch keine Aufgabe. Und für jeden sollte eine sachliche Analyse wichtiger sein als Selbstinszenierung.

Sie scheinen mehr als verärgert darüber zu sein.

Zwanziger: „Man kann doch eine Frau wie Silvia Neid nicht derart aus den eigenen Reihen angehen. Es macht mich traurig, dass zwei Personen, mit denen ich weiter intensiv zusammenarbeiten wollte, sich so kritisch über eine Frau äußern, die so erfolgreich für den deutschen Fußball gearbeitet hat und dies weiter tun wird. Man muss zusammenhalten, auch wenn der Erfolg mal nicht so eingetreten ist, wie man sich das vorgestellt hat. Die von Schröder geforderte Streitkultur beim Frauenfußball ist doch dummes Zeug. Und ich denke, die Fans des Frauenfußball würden gern darauf verzichten.“

Erwarten Sie eine Entschuldigung von Schröder und Dietrich bei Neid?

Zwanziger: „Ich habe die Hoffnung, dass gerade Bernd Schröder und Siegfried Dietrich den Weg finden, um mit einem entschuldigenden Wort gegenüber der Bundestrainerin deutlich zu machen, dass sie zu weit gegangenen sind. Natürlich hat Silvia Neid Ecken und Kanten, aber das mag ich. Angepasste Typen haben in diesen Positionen in der Regel keinen Erfolg. Durch diese Aktionen wird ihre Autorität untergraben. Und ich darf auch daran erinnern, dass wir drei Millionen Euro an TV-Geldern in die Bundesliga investieren. Dieses Geld wird von der Nationalmannschaft eingespielt.“

Ist das Verhältnis zur Liga nun belastet?

Zwanziger: „Um das noch einmal zu unterstreichen: Ich bin selbst Mitglied in einigen Vereinen, unter anderem bei Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt, um den Zusammenhalt und das gemeinsame Arbeiten von Verband und Vereinen zu unterstreichen. Unsere Arbeit wird natürlich von Journalisten kritisch hinterfragt, das ist auch vollkommen richtig so. Aber Vereine und Klubs sitzen in einem Boot, da kann man doch nicht plötzlich selbst Löcher in den Bug schießen und das Boot damit zum Kentern bringen. Wenn man sich so verhält, fragt man sich schon, ob eine Mitgliedschaft noch Sinn macht? Seit vielen Jahren habe ich mich sehr um die Entwicklung des Frauenfußballs bemüht, deshalb will ich auch diese gemeinsame Arbeit nicht durch weitere öffentliche Diskussionen belasten. Gemeinsam mit der zuständigen Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg werde ich in der kommenden Woche Bernd Schröder und Siggi Dietrich zu einem Gespräch nach Frankfurt einladen, um zu besprechen, wie die weitere Zusammenarbeit konkret aussehen kann.“

Mit Blick auf Neid wird Ihnen nun vorgeworfen, dass Sie den Vertrag vor der WM eigenmächtig bis 2016 verlängert haben. Stimmt das?

Zwanziger: „Das ist kompletter Unsinn. Es ist die normale Praxis, wie sie in unserer Satzung beschrieben ist. Bei allen Trainerentscheidungen wird zwischen Präsident, Schatzmeister, Generalsekretär und zuständigem Vize-Präsidenten in enger Abstimmung vorgegangen, danach geht das Thema ins Präsidium. Es wird immer in dieser Weise verfahren.“

War eine Vertragsverlängerung überhaupt nötig?

Zwanziger: „Ich habe schon mehrfach durch Vertragsverlängerungen besonderes Vertrauen aussprechen wollen. Das habe ich auch schon mit Joachim Löw und Matthias Sammer gemacht. Ich wollte Silvia helfen, weil ich mir schon dachte, dass diese Heim-WM kein Selbstläufer werden könnte. Die Vertragsverlängerung ist ein Ausdruck des Vertrauens. Und dieses Vertrauen ist bei mir und den wichtigen Persönlichkeiten des Verbands ungebrochen.“

Neid stand nach der WM für ihren Schlingerkurs hinsichtlich ihrer Zukunft in der Kritik. Warum hat sie sich so verhalten?

Zwanziger: „Das ist doch erklärbar. Die Bundestrainerin ist selbst am meisten enttäuscht. Deshalb ist sie derzeit noch gar nicht in der Lage, alles abschließend zu analysieren. Sie ist sehr emotional, sie ist aufgewühlt, sie ist unzufrieden. Sie braucht eine gewisse Zeit, um das abzuarbeiten. In so einer Zeit entstehen dann schon mal widersprüchliche Aussagen. Aber dass sie am Ende bei uns bleibt, darüber waren wir uns doch schnell einig. Sie weiß, wo sie hingehört.“

Wie sehr belastet Neid die Kritik aus der Liga?

Zwanziger: „Silvia Neid ist ehrgeizig und weiß, dass sie ihre Ziele im Zusammenspiel mit der Liga erreichen kann. Deshalb ist sie maßlos enttäuscht über die Äußerungen aus diesem Kreis. Der Frauenfußball ist ein Entwicklungssport, der nur durch Zusammenarbeit vorangetrieben werden kann. Wir sind noch nicht so weit, um eine Streitkultur wie in der Männer-Bundesliga einzuführen. Es gibt bei den Frauen keinen Uli Hoeneß. Was gemacht wurde, ist kontraproduktiv. Und es ist respektlos gegenüber einer Trainerin, die so erfolgreich war. Das gehört sich einfach nicht.“

Angeblich soll es Misstöne zwischen der Mannschaft und Neid gegeben haben. War das so?

Zwanziger: „Das Gegenteil war der Fall. Ich habe nach dem zweiten Spiel alleine mit der Trainerin, mit der Mannschaft und mit Birgit Prinz gesprochen. Und als ich da raus bin, hatte ich ein gutes Gefühl. Ich hatte das Gefühl, Birgit kommt aus dem Loch raus. Die Mannschaft hilft ihr und die Trainerin hilft ihr. Die Trainerin hat alles für Birgit gemacht. Sie hat ihr sogar ein Einzelzimmer gegeben.“

Auch Prinz hat Neid Fehler bei der Kommunikation vorgeworfen.

Zwanziger: „Diesen Eindruck kann ich nicht teilen. Birgit und Silvia Neid haben sicher nicht ständig miteinander gesprochen. Aber als es galt, war Silvia Neid für Birgit Prinz da.“

Wie erklären Sie sich dann die Aussagen von Prinz?

Zwanziger: „Ich kann es nicht verstehen, aber Birgit hat ja auch ein Umfeld. Ich hätte mir gewünscht, dass Siggi Dietrich sie richtig beraten hätte. Und der richtige Rat wäre gewesen, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“ 

Bekommt Prinz denn ihr Abschiedsspiel?

Zwanziger: „Abschiedsspiel ist ein bisschen hochgehängt. Es muss eine angemessene Verabschiedung geben. Ich denke, dass es die geben wird. Sie hat so viel für den deutschen Frauenfußball geleistet, dass alles andere schmerzlich wäre.“

Zurück zur Rolle des DFB als WM-Ausrichter. Wie sieht es mit den Finanzen aus? War die WM erfolgreich?

Zwanziger: „Ich kann jetzt schon andeuten, dass die schwarze Null wohl eine schwarze Eins wird. Das werden wir aber erst am Mittwoch genau wissen. Demzufolge werden wir schauen, was wir in die Basis des Mädchen- und Frauenfußballs investieren können.“

sid

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