Team wie ein Phantom: Nordkorea meidet Öffentlichkeit

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Einen Schritt zu spät: Die Nordkoreanerin Ri Ye Gyong (stehend) hat das Nachsehen. Abby Wambach aus den USA zeigt mehr Einsätz und grätscht ihre Gegnerin ab.

Dresden. Es ist das Phantomteam der WM. Nordkorea hat sich seit der Anreise der Öffentlichkeit vollkommen abgeschottet. Und doch: So ganz unsichtbar, wie sie scheinen, sind die Fußballerinnen aus dem Land von Kim Jong-Il dann aber doch nicht.

Fußball hinterlässt Spuren – diese Inschrift prangt auf der Bande des Rudolf-Harbig-Stadions in Dresden. Ein Motto wie gemacht für die als unsichtbar geltenden Asiatinnen. Es ist eine Spurensuche mit Schnitzeljagd-Charakter.

Deutsche Referees mit souveräner Leistung

Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus und ihre beiden Assistentinnen Katrin Rafalski aus dem nordhessischen Bad Zwesten und Marina Wozniak lieferten eine souveräne Leistung. Steinhaus, sorgte mit klaren Gesten für Ruhe. Auch Rafalski bot bei ihrem WM-Debüt an der Seitenlinie eine souveräne Vorstellung.

Startpunkt ist am Mittag das Trainingsgelände am Ostragehege. Hier trainierten in den vergangenen Tagen die Teams der USA und Nordkoreas nebeneinander. Die US-Ladies meist gut sichtbar, die Nordkoreanerinnen abgeschottet. Nun aber, sechs Stunden vor Spielbeginn, ist von den Amerikanerinnen keine Spur, wohl aber von ihren Gegnerinnen. Der Mannschaftsbus Nordkoreas parkt am Rande des Trainingsgeländes. Er ist leer. Ebenso wie der immer noch abgeschirmte Trainingsplatz Nordkoreas. Abseits des Ortes, wo es im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit steht, gewinnt auch das Phantomteam an Kontur: im Mannschaftshotel. Es ist eines der besten am Platze. Der Mann am Welcome-Stand im Foyer sieht die Nordkoreanerinnen jeden Tag. „Sie sind sehr zurückhaltend, grüßen aber immer freundlich“, berichtet er und fügt lachend hinzu: „Es ist nicht so, dass sie hier in Reih und Glied einmarschieren.“

Und dann: Ein nordkoreanischer Teambetreuer taucht kurz im fünften Stock auf – verschwindet aber ebenso schnell wieder in einem Zimmer. Zur gleichen Zeit trifft Steffi Jones, Präsidentin des WM-Organisationskomitees, im Hotel ein. Sie findet die deutlichsten Worte: „Nordkorea ist einfach so. Sie wollen nicht, dass ihre Zurückhaltung politisch hoch gehängt wird, sondern sich einfach aufs Spiel konzentrieren.“

Nun aber müssen sie ihre Zurückhaltung aufgeben. Am Ort des Geschehens, dem Stadion, muss sich das Phantomteam später stellen. Beim Anpfiff. Gut drei Stunden vorher aber sprechen wieder andere. Zwei Asiaten sitzen ganz allein im Stadionrund. Herr Vu Con Lap und sein Kollege drehen eine Reportage fürs vietnamesische Fernsehen. „Die Nordkoreanerinnen sind sehr ehrgeizig und wollen ihr Land bestmöglich vertreten“, erklärt er. Unten auf dem Rasen wird derweil zum dritten Mal der Einmarsch geprobt. Sieben Freiwillige als Nordkorea-Doubles stehen zum Klang der nordkoreanischen Hymne so stramm, dass Kim Jong-Il seine helle Freude gehabt hätte. Er liebe die Fußball-Frauen wie seine Töchter, soll der nordkoreanische Führer gesagt haben. Fragt sich nur, warum er dann keine Journalisten nach Dresden entsandt hat. Einziger Koreaner ist ein Reisejournalist aus Südkorea. Warum kein Nordkoreaner da sei, weiß auch er nicht.

Auf dem Platz läuft das Team ein. Nordkoreas Stunde der Wahrheit. Die Spielerinnen sind nur anhand der Rückennummern zu unterscheiden. Ihr einheitlicher Kurzhaarschnitt lässt sie aussehen wie kleine Klone. Und doch: Nach der Hymne und dem Mannschaftsfoto winken sie gelöst ins Publikum. Auch wenn nur eine einzelne nordkoreanische Fahne auf den Rängen zu sehen ist. Das Phantomteam zeigt sein Gesicht.

Von Michaela Streuff

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